18.06.2018

Begabungsförderung: Wenn das Standardrezept hungrig auf mehr macht

Holger Scheib koordiniert seit acht Jahren die Begabungsförderung an der Kanti Solothurn. Er berät Jugendliche, die besonders gut sind – am Klavier, am Ball oder im Chemielabor. Begabungsförderung funktioniere aber auch gut bei Schülerinnen und Schülern mit durchschnittlichen Noten. Wie genau, das erklärt der Chemielehrer im Interview.

Wer mehr will, kriegt mehr. Die Kanti Solothurn führt eine Sport- und Kulturklasse und motiviert ihre Schülerinnen und Schüler für Schweizer Jugend forscht und die Wissenschafts-Olympiade. Bild: Kanti Solothurn

Wissenschafts-Olympiade: Herr Scheib, nehmen wir mal an, die Kanti Solothurn ist eine Person: Was kann sie besonders gut?

Holger Scheib: Unsere Kanti hat viele Talente. Und die kann sie auch pflegen, das ist das Schöne. Wir sind eine grosse Schule und haben überall eine kritische Masse. Das heisst, wir müssen uns bei den Angeboten weniger einschränken, was bei einer kleineren Schule eher das Problem sein könnte. Mittlerweile gehört es zur Schulkultur, dass man aus seinen Talenten etwas macht. Dass man nicht nur die Schwächen verbessert, sondern auch die Stärken pflegt.

 

Ihre Schule will also die Stärken der Schülerinnen und Schüler erkennen und fördern. Das ist ein wichtiges Anliegen des Bildungsraums Nordwestschweiz, zu dem auch ihre Schule gehört.

Ja, genau. Vor ungefähr 10 Jahren hat man sich darauf geeinigt, dass jedes Gymnasium in den vier Kantonen eine Koordinatorin, einen Koordinator für Begabtenförderung benennt. Diese Ansprechpersonen sollten prüfen, was in dieser Hinsicht in den Schulen bereits alles getan wird und welche Schulkultur bezüglich der Begabtenförderung gepflegt wurde bzw. werden sollte. Denn nicht jede Art von Förderung passt zu einer Schule bzw. kann diese leisten. Seit 2010 treffen wir Kordinatorinnen und Koordinatoren des Bildungsraumes uns jährlich. Das Ganze hat sich sehr bewährt. Einerseits, weil wir die Begabtenförderung institutionalisiert und eine gewisse Verbindlichkeit geschaffen haben. Und andererseits, weil es einen Austausch unter den Schulen gibt. Man lernt voneinander.

 

 

Zur Person
Holger Scheib unterrichtet seit 10 Jahren Chemie an der Kanti Solothurn. Zusätzlich koordiniert er die Begabtenförderung. Ursprünglich wollte Scheib Biologie studieren. Dazu kam es aber nicht, da er bei seinem Cousin sah, wie viel dieser auswendig lernen musste. Mit 18 Jahren sah sich Scheib bereits als Bio-Chemie-Physik-Informatiker. Doch diesen Beruf gab es damals noch nicht. Schliesslich hat Scheib Chemie studiert, auch dank seinem Chemielehrer, einem «harten Hund», der ihn herausforderte.

 

 

Ist Begabungsförderung ihrer Meinung nach ein neues Thema oder ein altes in einem neuen Wortgewand?

Begabte Schülerinnen und Schüler waren schon immer da an den Schulen. Die Frage war vielmehr, ob man sie gesondert fördern wollte oder nicht. Als ich in die Schule ging, war das noch nicht zwingend so. Da ging es eher um Gleichmacherei, die war wichtiger. Heute hat man akzeptiert  - das hoffe ich jedenfalls -,  dass Jugendliche unterschiedlich begabt sind. Wir müssen unseren Schülerinnen und Schülern Futter geben. Wenn sie davon mehr brauchen, als es das Standartrezept der Schule vorsieht, dann sollen sie es erhalten.

 

Was würde denn passieren, wenn man sie nicht fördert?

Das wäre in erster Linie einfach mal sehr schade. In der Regel suchen sich engagierte Jugendliche ja andere Kanäle als die Schule. Aber wenn man sich überlegt, was alles möglich wäre in den Schulen selber, dann finde ich das einfach sehr schade. Im Extremfall kann es auch sein, dass Schülerinnen und Schüler so unterfordert sind, dass sie zu Underperformern werden. Diese fallen im schlimmsten Fall durchs System. Das ist dann sehr tragisch.

 

Ist Begabungsförderung für Sie mehr als die Zusätzförderung von sehr guten Schülern?

Dieser Aspekt steht tatsächlich oft im Fokus, man will aus sehr guten Schülerinnen und Schülern sozusagen das Maximum herauskitzeln. Für mich geht es aber noch um etwas anderes. Das Gymnasium zielt auch darauf ab, dass die jungen Menschen nach der Matura wissen, was sie beruflich machen wollen. Idealerweise wäre das etwas, was sie bereits gut können. Denn das, was man gut kann, mag man in der Regel auch. Hier besteht durchaus die Möglichkeit für die Begabtenförderung, alle Schülerinnen und Schüler anzusprechen, auch die durchschnittlichen. Was kann ich gut? Was kann ich vielleicht sogar besser als andere? Was macht mir Spass? Was kann ich mit diesen beiden Elementen später im Berufsleben machen?

 

In einem Talentportfolio denken die Kantischüler in Solothurn über ihre Stärken nach.

 

Dann geht es bei der Begabtenförderung auch um Studien- und Berufswahl?

Ja, genau. Wir haben versucht, diese Aspekte zu verbinden. Das Feedback seitens Schüler, Lehrer und Eltern ist positiv.

 

Wie sieht das konkret aus?

Wir führen zum Beispiel ein “Talentportfolio”. Das ist nicht verpflichtend, sondern auf freiwilliger Basis. Die Schülerinnen und Schüler einer Klasse führen dieses Portfolio während vier Jahren, setzen sich also immer wieder mit ihren Talenten auseinander. Im ersten Jahr geht es um Themen wie: “Wer bin ich, was kann ich gut?” Später geht es dann immer mehr Richtung “Was will ich werden?”, also die Berufswahl. Das Portfolio ist rein erfolgsbasiert. Sonst geht es in der Schule ja oft um Schwächen, um Fehler, das kann auf das Selbstwertgefühl schlagen. Aber wenn man den Spiess umdreht und das Positive herausarbeitet, dann gibt das einen ganz anderen Drive.

 

Wie kommen Jugendliche bei Ihnen an die Förderangebote?

Es gibt drei Wege: Der Jugendliche meldet sich selber, seine Lehrperson kommt auf mich zu oder die Konrektoren melden mir Schülerinnen und Schüler, z.B. aufgrund des Notenbildes. Ich treffe die Jugendlichen, will wissen, was sie interessiert. Wir schauen uns gemeinsam an, welche Angebote passen. Ausschlusskriterien gibt es keine, ich schaue nicht zwingend auf die Noten. Wenn jemand auf mich zukommt, dann zeugt das von Engagement.

 

 

Caroline Weber von der Kanti Solothurn gewann 2017 die Chemie-Olympiade.

 

Welchen Stellenwert haben die Wissenschafts-Olympiaden für Ihre Schule?

Einen hohen. Am Anfang war ich etwas skeptisch, weil ich die Schüler nicht dressieren wollte. Ich denke, es ist gefährlich, wenn Lehrpersonen beginnen, die Schüler zu pushen. Mittlerweile haben wir einen Weg gefunden, der gangbar ist, mit viel Freiraum für die Schüler. Jene, die erfolgreich sind, machen mit viel Eigenverantwortung mit, erarbeiten sich das Wissen selbstständig. Und können bei Fragen auf mich zukommen. Mit den Schülerinnen und Schüler, die sich für die internationale Chemie-Olympiade qualifizieren, löse ich auch Aufgaben. Das ist für mich auch eine Art Weiterbildung, das Niveau ist sehr hoch (lacht).

 

Wie sieht es bei Begabungen wie Musik und Sport aus?

Wir führen eine Sport- und Kulturklasse, das ist schon länger institutionalisiert. Dort treffen sich junge Sportlerinnen, Tänzer und Musikerinnen, sie bereichern sich gegenseitig. Sie betreiben sehr viel Aufwand für ihr Talent und können die Matura in fünf Jahren anstatt in vier Jahren absolvieren.

Schulpreis
Seit 11 Jahren vergibt die Wissenschafts-Olympiade einen Preis an Schulen, die ihre Schülerinnen und Schüler über einen längeren Zeitraum in den olympischen Fächern gefördert haben. 2017 gewann die Kantonsschule Solothurn die Auszeichnung. Der Preis ist mit Fr. 1000.– dotiert. Das Preisgeld soll für Maturaarbeiten eingesetzt werden.

 

Wie hat sich das Schulklima verändert mit der Begabtenförderung? Gelten in Solothurn gute Schüler immer noch als Nerds?

Es ist wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler sehen, dass es keine Ausserirdischen sind, die Erfolg haben, sondern dass es ganz normale Menschen sind, die mit ihnen im Schulzimmer sitzen. Das holt das Ganze etwas vom Podest. Man meint immer, die Klassenkollegin sei viel schlauer, oder andere Schulen seien besser als die Kanti Solothurn. Doch das stimmt gar nicht. Man muss sich nicht verstecken und das gibt dann ein gewisses Selbstvertrauen. Ich glaube, es verändert sich gerade viel. Begabtenförderung wird eher akzeptiert, glaube ich, und das ist wichtig.

 

Wir haben einen Gendergap bei den Olympiaden. Warum nehmen junge Frauen weniger teil? Hat es etwas mit dem Wettkampf zu tun oder mit der generell schlechteren Selbsteinschätzung?

Ich denke nicht, dass es am Format liegt. Caroline Weber zum Beispiel hat 2017 Chemie-Gold gewonnen. Ich glaube, es liegt eher daran, dass Frauen dazu neigen, das Licht unter den Scheffel zu stellen. Das beobachte ich immer wieder in meinen Klassen. Ich ermuntere dann die Schülerinnen und sage ihnen: “Hey, du musst dich nicht verstecken!” Aber sie entscheiden, ob sie mitmachen wollen, ich zwinge niemanden. Manchmal schreibe ich auch mit ganzen Klassen die erste Prüfung zur ersten Runde. Wenn dann drei Frauen weiterkommen, dann sagen sie oft: “Hoppla, so schlecht bin ich ja gar nicht.” Es ist ein gesellschaftliches Phänomen. Ich denke, es gibt genau Null Gründe dafür, dass sich Frauen so zurücknehmen. Es gibt keinen Grund. Und trotzdem passiert es.

 

Frauen studieren Biologie und Chemie, bei Mathe, Physik und Informatik sind sie untervertreten…

Als ich Chemie studierte, waren wir 250 Männer und etwa 4 Frauen. Das ist heute anders. Vielleicht braucht es noch eine Generation für Physik, Mathe und Informatik, bis es normal wird. In Osteuropa zum Beispiel hat es diese Lücke nie gegeben. Es ist eine abstruse Hypothese, dass das etwas mit unseren Genen zu tun haben soll. Ich denke, es bewegt sich etwas. Das Selbstvertrauen der Frauen in den Naturwissenschaften steigt, das finde ich super.

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