30.04.2018

Meine ersten Labortage an der ETH

An normalen Tagen führt mich mein Schulweg direkt in die Kanti Wil. An speziellen Tagen stehe ich plötzlich im Chemielabor der ETH Zürich. Was ich dort alles erlebt habe, liest du in meinem Bericht über das Final der Chemie-Olympiade 2018.

So sehen unsere ersten Schritte und Handgriffe in einem Chemielabor aus. Und das gleich an der ETH Zürich! Bild: Patrik Willi

 

Dienstag, 03. April

Erwartungsvoll stehen wir vor der ETH Zürich. Das Leiterteam mit Patrik, Lukas und Dominic heisst uns willkommen und führt uns ins Gebäude HCl – nicht etwa zu verwechseln mit der Salzsäure.

 

Nach ein paar organisatorischen Fragen starten wir in der Theorie mit Kinetik. Begriffe wie differentielles Zeit- und Geschwindigkeitsgesetz fallen. Im zweiten Theorieblock gehen wir die Thermodynamik an. Komplizierte Herleitungen, Integrale und Gleichungen: Rasch merken wir, dass wir hier an der ETH und nicht mehr an der Mittelschule sind.

 

Nach dem theorielastigen Morgen gibt‘s ein feines Mittagessen in der hauseigenen Mensa. Am Nachmittag richten wir uns im Labor für die ersten praktischen Arbeiten der Woche ein. Nach einer kurzen Einführung ins Labor geht‘s ran ans Synthetisieren von Salen. Das funktioniert eigentlich sehr gut.

 

Gelungene Synthese! Das gebildete Salen  wurde soeben auf dem Uhrglas in einem Ofen getrocknet. Bild: Patrik Willi

 

 


Ein kleiner Tipp für die kommenden Finalisten:

Wascht eure Glaswaren immer gewissenhaft, sonst kann man es sehen, wenn Indikatorrückstände vorhanden sind und ihr eine Säure dazugebt.

 


 

 

Ein Teil der Gruppe (die rechte Seite, für Insider) arbeitet viiiel zu langsam, weshalb wir das Labor nicht wie geplant um 17:00 Uhr, sondern erst um 18:00 Uhr verlassen können. Abends in der Jugendherberge essen wir gemeinsam und fallen nach einem Gute-Nacht-Bierchen in die Betten.  

 

Mittwoch, 04. April

Tagwacht um sieben Uhr in der Früh, Treffpunkt ETH Zürich. Den Anfang macht Dominic mit OC, der organic chemistry (engl. für organische Chemie). Will man an der finalen Prüfung bestehen, ist es sicher von Vorteil, Markownikow und Saytzeff persönlich zu kennen. Wir schauen uns die Reaktionsmechanismen von der Synthese von Tropanon an, einem Ausgangsstoff zur Kokainsynthese (psst! nicht weitersagen).

 

Nach der OC lehrt uns Daniel, ein französischsprechender Assistent, in IR- und NMR-Spektroskopie. Daniel betreute uns schon im Labor an der EPFL. Das NMR ist ein interessantes und sehr mächtiges Instrument, weshalb es sich lohnt, es zu verstehen. Begriffe wie „unshielded proton“ dienen als Grundlage für das Verständnis des NMRs. Kombiniert mit ein wenig Kreativität und Vorstellungsvermögen ist man sicherlich gut im Rennen dabei.

 

Nach dem Zmittag heisst es wieder praktisches Arbeiten im Labor. Wir versuchen, die Eisen-, Calcium- und Magnesiumkonzentration in Proben mittels Titrationen zu bestimmen. Doch: Das gelingt in grob geschätzten 90% der Fälle nicht. Wir denken also, dass eine solche Aufgabe sicher nicht an der praktischen Prüfung gestellt wird. Nach ein paar schon hundertfach berechneten Titrationsgleichungen geht‘s wieder zurück in die Jugendherberge. Dort gibt es, selbstverständlich, wieder ein genüsslich-gemeinschaftliches Bierchen.

 

1, 2 oder 3? Hier warten Lösungen einer Gesteinsprobe auf ihre Analyse. Wieviel Kalzium, Eisen und Magnesium steckt da wohl drin? Bild: Patrik Willi

 

 

Donnerstag, 05. April

Heute ist Prof. Seebach unser Ehrengast, lässig betritt er den Saal. Mit Anzug, gestylter Frisur und – ganz cool – einem M-Budget-Energy-Drink. Er unterrichtet uns in advanced OC (fortgeschrittene organische Chemie). Einiges ist Wiederholung, vieles ist aber auch für uns ganz neu. Wir merken: Herr Seebach wurde nicht zufällig Professor. Leidenschaftlich erzählt er von seinem Leben als Wissenschaftler und viel mehr von der doch so schönen Chemie. Übrigens: Unter den Schweizer Wissenschaftlern hat er am meisten Arbeiten publiziert.

 

 

Professor Seebach’s Ausführungen beeindrucken alle, von den Teilnehmern bis hin zu den Organisatoren. Bild: Patrik Willi

 

Nach dem Zmittag geht‘s wie gewohnt wieder ins Labor. Mit dem selbst synthetisierten Salen vom Dienstag führen wir weitere Experimente durch und üben noch ein bisschen Theorie. Wir klären  letzte Ungewissheiten vor der Prüfung und kehren dann in die Jugi zurück. Die Nervosität für die zwei langen Prüfungen vom Folgetag steigt langsam aber sicher. Nach dem Nachtessen und ein paar Henkersübungen sagen wir uns schliesslich Guet Nacht.

 

Freitag, 06. April

Es ist so weit. Heute ist unser grosser Tag. Die Prüfung beginnt ein bisschen später als geplant; eine Chemiebegeisterte kommt nicht so mit dem Zürcher Verkehr klar. Zum Glück sind wir uns den Ablauf einer solchen Prüfung schon gewohnt, weshalb sie ohne Zwischenfälle beginnen kann. Drei Stunden volle Konzentration heisst es von nun an. Das sieht in etwa so aus:

 

Wir werden mit vielen komplizierten Aufgaben bombardiert. Lösen können wir sie längst nicht alle, und diese Aussage ist eher eine masslose Untertreibung. Beim Zmittag spreche ich mit Maurice. Er ist Vollblut-Chemiker und hat die Olympiade vor 30 Jahren gegründet. Er beruhigt mich: Auch sie als gestandene Chemiker hätten Mühe gehabt und nicht alle Aufgaben vollständig lösen können. Die höchste Punktzahl, die erreicht wurde, beträgt nur um die 40% der Maximalpunktzahl!

 

Viel Zeit zum Entspannen bleibt in der Mittagspause nicht, denn schon bald geht es mit der praktischen Prüfung im Labor weiter. Sie dauert 2.5 Stunden. Das ist lang, auch weil die ganze Zeit Leute rumlaufen und die Lautstärke im Labor nicht gerade die Konzentration fördert.

 

Nichtsdestotrotz haben wir auch diese Prüfung überstanden und – viel wichtiger – gesund überlebt. Für das Nachtessen ist im Restaurant Die Waid reserviert. Uns wurde nicht zu viel versprochen: Unser Gaumen wird aufs Äusserste verwöhnt.

 

Für eine Goldmedaille hat es in meinem Fall leider nicht gereicht. Den Gewinnern Lenny, Nicola, Fabian und Carole wünschen wir eine tolle und erfolgreiche Woche in Prag und Bratislava. Sie werden die Schweiz an der Internationalen Chemie-Olympiade vom 19.-29. Juli repräsentieren.

 

Wir möchten uns alle bei allen Organisatoren und Sponsoren herzlichst für diese lehrreiche und erlebnisreiche Woche bedanken!

 

 

Zum Autor

Dan Schönenberger ist 18 Jahre alt und schliesst diesen Sommer die Kantonsschule Wil mit der Matura ab. Nach der RS als Grenadier will er im Herbst 2019 sein Studium beginnen. Den genauen Studiengang kennt er noch nicht, es wird aber ziemlich sicher in Richtung Chemie, Biomedizin, Pharmazie oder Biotechnologie gehen. Später möchte er in die Forschung gehen und ein Start-Up gründen. Chemie mag er wegen ihrer grenzenlosen Möglichkeiten: ein hochentwickeltes Material oder ein neuartiges Medikament – praktisch alles im Leben könne man mit Chemie modifizieren und somit verbessern.

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