07.03.2018

Under my umbrella

Wer bei den Olympiaden im Regen steht, macht sich Freunde. So jedenfalls erging es Lara und Stéphanie, die seit der regnerischen Philo-Olympiade gute Freundinnen sind. Für Spinoza wäre klar: Diese Freundschaft musste passieren. Und für die zwei jungen Frauen ist klar: Diese Freundschaft macht sie zu besseren Philosophinnen, fleissigen Globetrotterinnen – und zwei glücklichen Menschen.

Laras (links) und Stéphanies (rechts) Freundschaft braucht nur zwei Dinge: Sprache und ein bisschen Platz. Wie hier im Café Livresse in Genf. Bild: Mirjam Sager, Wissenschafts-Olympiade

Die jungen Frauen verbindet zwei Dinge: Philosophie und Humor. Bild: Mirjam Sager, Wissenschafts-Olympiade

„Weil ich Lara mag, schätze ich ihre Ideen und ich habe keine Mühe, ihre Argumente zu akzeptieren, wenn sie wirklich besser sind.“ So Stéphanie (rechts) über Lara (links). Bild: Mirjam Sager, Wissenschafts-Olympaide

Die Freundinnen sind Globetrotterin. Budapest ist die Stadt, die sie am liebsten gemeinsam besuchen. Bild: Mirjam Sager, Wissenschafts-Olympiade

Im Zelt wird gefeiert. Und draussen, im Regen, da stehen zwei Frauen und reden. Die Wörter kommen und gehen, leicht und sinnvoll. Stephanie und Lara verlieren das Gefühl für die Zeit, damals im Frühling 2014 in Litauen. Sie reden davon, wie schön ein Platzregen ist. Erzählen von ihren Lieblingsserien und den philosophischen Fragen, die sie in ihren Köpfen wälzen. Als Stephanie den Schirm zuklappt, ist das Gewitter längst vorbei und beide ahnen: Das könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.

 

Es musste ja so kommen. Oder etwa nicht, lieber Spinoza?

Wer sind unsere Freunde? Sie sind in etwa so, wie wir selber. Eine Art Spiegel, meint die Freundschaftsforschung. Lara und Stéphanie bestätigen diese Aussage. Sie sind gleich alt, leben in der Schweiz, studieren beide Philosophie. Sie teilen denselben Humor, ihre Weltanschauung deckt sich. Sie shoppen am liebsten in Second-Hand Läden und haben ein Herz für Papeterieartikel.

Vor allem aber teilen sie ein Erlebnis, das nur ihnen gehört: die Philosophie-Olympiade 2014 in Litauen. Damals noch Gymnasiastinnen, vertreten sie die Schweiz am Essaywettbewerb. Hier in Litauen spinnen sich feine Fäden zwischen ihnen. Fäden, die vier Jahre später zu einem Band gewachsen sind. 

 

Der Freundinnen-Test: Wie gut kennen sich Lara und Stephanie wirklich?

Wenn Stephanie und Lara so viel verbindet: Musste diese Freundschaft quasi passieren? „Spinoza würde jetzt bestimmt ja sagen“, meint Stéphanie lachend. Der Philosoph ging davon aus, dass alles, was geschieht, genau so geschehen musste. Die Freundschaftsforschung aber sagt, dass sich Freunde oft per Zufall finden. „Ja“, meint Lara dazu, „bei uns war auch viel Zufall im Spiel.“ Hätte sie zum Beispiel eine andere Schule gewählt, hätte sie ihren Philosophie-Lehrer nicht getroffen – und so wohl nie bei der Olympiade mitgemacht. Und Stephanie, spontan wie sie ist, reichte ihren Text am letztmöglichen Tag ein. Die Chancen standen also nicht schlecht, dass sich die Beiden nie kennenlernen würden

 

Die gute Freundin

Sie haben sich aber kennengelernt. Und dass ihnen die Freundschaft viel bedeutet, das spürt man. „Es gibt Freunde, mit denen teile ich das Leichte, Lustige“, erklärt Lara. „Und dann gibt es da diese Freunde, denen kann ich auch das Andere zumuten: Den Schmerz, das Unangenehme, die Schwere.“ Eine gute Freundin also hält Dinge aus, die wir Unbekannten niemals zumuten würden. „Meine Hypochondrie-Anfälle zum Beispiel“, bemerkt Stephanie lachend.

Eine gute Freundin nimmt ernst, aber nicht zu sehr. Ironie verbindet die beiden jungen Frauen. Stephanie zum Beispiel mag den Hipster-oder Bobo-Lifestyle. „Ich liebe es, mit Lara darüber zu sprechen – weil ich weiss, dass sie skeptisch ist und ihr zahlreiche Witze dazu einfallen.“ Die beiden lachen viel und laut – und am liebsten über sich selber. Es passiere ihnen oft, dass sich in Cafés Leute nach ihnen umdrehen: „Die denken sich wohl: Was geht bei denen ab, sind die verrückt?“, so Lara.

Steckbrief: Wer sind Stéphanie und Lara?

 

Das zweite Leben

Ab und an verlassen Lara und Stephanie dieses Leben für kurze Zeit durch die Hintertür. Seit 2015 reisen sie durch Europa und treffen ihre Olympiaden-Freunde. Es ist eine Art zweites Leben, eine zweite Uhr, die parallel zum eigentlichen Leben tickt.

„Diese Reisen sind einzigartig. Sie sind sehr intensiv, sehr speziell. Die Gruppenfreundschaft funktioniert ganz anders, als wir es uns sonst gewohnt sind. Es geht gar nicht so sehr um die Persönlichkeiten, sondern um den Kontext“, erklärt Lara. Und wie kommt man da rein, in diesen Kontext? Entweder teilt man die Erfahrung Philosophie-Olympiade. Oder aber: „Man kann auch einfach ein Nerd sein. Ein lauter Nerd, wie wir das nennen“, ergänzen die jungen Frauen lachend.

 

Machen Freunde einem zu besseren Philosophen?

Lara und Stephanie sind analytische Philosophinnen. Für sie zählt das bessere Argument, die Logik, der Beweis. Dieses Denken kann man schulen – an der Uni, an der Olympiade, aber genauso gut mit einer Freundin. Denn der Boden der Philosophie ist die Diskussion. Und die kann man zwar mit sich selber führen, doch fruchtbar wird sie vor allem mit einem Gegenüber.

"Lara macht mich zur besseren Philosophin. Ich führe ein Argument ein, sie kontert, die Diskussion wird reicher.“ Stephanie fährt weiter: „Weil ich Lara mag, schätze ich ihre Ideen und ich habe keine Mühe, ihre Argumente zu akzeptieren, wenn sie wirklich besser sind.“ Das sei an der Uni manchmal weniger der Fall, da müsse man sich eher behaupten und sei weniger bereit, eine Haltung zu ändern.

Freundschaft macht uns also nicht nur selbstbewusster und zufriedener, wie die Freundschaftsforschung behauptet. Sie macht auch die besseren Philosophinnen aus uns.

 

„Sprechen wir lieber nicht von der Seele!“

Die Seelen von Lara und Stephanie: Sind die verwandt? Lautes Gelächter: „Frag eine Philosophin nie nach der Seele, das führt zu ewigen Diskussionen!“, meint Lara. Stephanie übernimmt: „So ähnlich sind wir uns gar nicht. Wir haben nicht den gleichen Geschmack, stehen nicht auf die gleichen Serien, hören nicht dieselbe Musik.“

Aber: In der Art, wie sie etwas mögen, seien sie sich sehr ähnlich. „Das ist das Schöne an unserer Freundschaft: Wir erfahren die Welt auf dieselbe Weise, auch wenn wir nicht die gleichen Erfahrungen machen, nicht dasselbe fühlen“, erklärt Lara. Sie teilen also nicht das Was sondern das Wie. „Wir sprechen dieselbe Sprache, wenn wir darüber diskutieren, wie wir das Leben erfahren“, erklärt Lara.

Laras und Stephanies Freundschaft braucht nur zwei Dinge: Sprache und ein bisschen Platz. Ein kleiner Raum reicht. Ein Zug, ein Café, ein Zimmer. Oder der kleine Raum, der sich unter einem Regenschirm öffnet.

 

Literatur:

10 Fragen an die Freundschaftsforschung, GEO, www.geo.de/magazine/geo-magazin/800-rtkl-freundschaft-10-fragen-die-freundschaftsforschung, letzter Aufruf: 27.02.2018