14.02.2021

Freiwilligenarbeit

Engagiert: Joel Lüthi, Wissenschafts-Kommunikator

Der junge Biologe setzt sich dafür ein, dass Wissen nicht in Fachjournalen stecken bleibt. Doch worüber sollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler genau reden? Und wie? Das lernen Nachwuchsforschende im Trainingsprogramm von Reatch, das Joel leitet.

"Das Schöne an Freiwilligenarbeit ist, dass sie sich nicht wie ein langweiliger Networking-Anlass anfühlt", sagt Joel Lüthi im Büro von Reatch in Zürich.

Joel, was macht für dich gute Wissenschafts-Kommunikation aus? 

Joel: Spannend ist, dass ich im Moment wenig über mein eigenes Forschungsprojekt kommuniziere, obwohl ich dieses auch sehr wichtig finde. Als wir den Verein Reatch 2014 gegründet haben, ging es uns weniger darum, unsere eigene Forschung nach aussen zu tragen. Wir waren vielmehr der Meinung, dass es Themen gibt, über die wir gesellschaftlich mehr diskutieren sollten. Zu einigen dieser Themen haben die Wissenschaften wichtige Beiträge zu leisten, aber das gelingt nur begrenzt. Wir hatten einerseits das Gefühl, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im gesellschaftlichen Diskurs zu wenig gehört werden. Und andererseits, dass ihnen oft die Tools fehlen, um gut kommunizieren zu können.

 

Es reicht also nicht, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einfach gute Forschung machen?

In der Schweiz wird Forschung grossteils über die Steuergelder der Bürgerinnen und Bürger bezahlt. Meiner Meinung nach bedeutet das, dass wir der Gesellschaft etwas zurückgeben müssen. In erster Linie natürlich, indem wir gute Forschung machen. Aber auch indem wir das aktuell relevante Wissen in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen und es nicht nur in ein Wissenschaftsjournal für ein kleines Publikum stecken.

 

 

Engagiert, die Zahl: 79% der Schweizer Bevölkerung sind laut dem Wissenschaftsbarometer Schweiz stark oder sehr stark der Meinung, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Öffentlichkeit über ihre Arbeit informieren sollen.

 

 

Die Pandemie zeigt uns auf, wie eng Politik, Wissenschaft und Gesellschaft verzahnt sind.  Was hast du in den letzten Monaten über dieses Verhältnis gelernt?

Die Pandemie zeigt uns auf, wie wichtig es ist, dass wissenschaftliche Erkenntnisse schnell und verständlich in den politischen Diskurs einfliessen. Corona macht auch deutlich, dass wir zwischen wissenschaftlichen Fakten und gesellschaftlichen Normen unterscheiden sollten. Man weiss zum Beispiel, wie ansteckend das Virus ist und dass man etwas tun muss, um es einzudämmen. Aber ob man dafür Schulen oder Restaurants schliessen will, das ist auch eine normative Frage und die kann ich als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler alleine nicht beantworten. Im Sommer 2020 haben wir aber gesehen, wie wenig Beachtung man den Empfehlungen der Wissenschaft geschenkt hat, wirksame Massnahmen zu ergreifen (Anm. der Redaktion: Das Interview wurde am 20. November 2020 geführt). Diese Entwicklungen motivierten uns nochmals, mit dem Reatch Policy Hub ein neues Gefäss zu schaffen, das diese Zusammenarbeit verbessern soll.

 

 

"Das Publikum interessiert sich oft nicht für die hochkomplexen Forschungsresultate. Sondern für das, was im Fachvortrag in der Einleitung steht: den Kontext." 

 

 

Kommen wir zu den Angeboten von Reatch: Neben euren Wissenschafts-Events bietet ihr ein Kommunikationstraining für Nachwuchsforschende an. Was genau lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer? 

Das Programm ist sehr praktisch ausgerichtet. Wir stellen den Teilnehmenden Coaches zur Seite und unterstützen sie Schritt für Schritt darin, einen Event zu organisieren. Ein Beispiel für einen solchen Event sind die nanoTalks. So nennen wir unsere Vortragsreihe, die jungen Forscherinnen und Forschern eine Bühne bietet, um über ihre Forschung zu erzählen.

Daneben organisieren wir Workshops zu Themen wie Storytelling, der Schweizer Politik-Landschaft und zum Schreiben von Blogs und unterstützen die Teilnehmenden darin, ihre eigenen Blogbeiträge zu schreiben. Den Effekt, den wir uns erhoffen, ist, dass die Teilnehmenden durch das Training lernen, wie sie über ihr Wissenschafts-Thema reden können. Sei das mit Journalistinnen, anderen Studierenden oder der eigenen Familie.

 

 

Joel Lüthi hat einen Master in Biologie und Bioinformatik und doktoriert zur Stammzellenforschung. Später möchte er in der Datenanalyse arbeiten und sich ein Standbein als Coach aufbauen. Joel wuchs in der Nähe von Winterthur auf und besuchte das Gymnasium Büelrain.

 

Warum tun sich denn junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schwer, spannend und verständlich über ihr Fachgebiet zu reden?

Ich denke, das hat damit zu tun, dass Forscherinnen und Forscher darin trainiert werden, an Fachtagungen zu präsentieren. Diese Präsentationen konzentrieren sich oft auf den spezifischen Teil, den man der bisher geleisteten Forschung noch hinzufügt, also oft komplexe neue Resultate. Diese sind für das allgemeine Publikum oft nicht das Relevanteste. Was sie interessiert, das steht bei einem Fachvortrag in der Einleitung: der Kontext.

 

 

Kannst du uns hier ein Beispiel nennen?

Ich habe während meinem Master zur Genschere "CRISPR" geforscht. Meine Forschung im Bereich des CRISPR Screening war sehr spezialisiert und nicht wirklich interessant für jene Personen, die nicht in diesem Gebiet arbeiten. Die relevanten Fragen zu CRISPR, die wir öffentlich diskutieren sollten sind eher: Was machen wir mit der Genbearbeitung? Und wie kommt man eigentlich zu so einer Technologie? (Mehr dazu in Joels nanoTalk). 

 

Du arbeitest freiwillig als Vizepräsident bei Reatch. Gab es Zeiten, in denen es für dich schwierig war, Wissenschaft, Freiwilligenarbeit und Privatleben unter einen Hut zu bringen? Wie bist du damit umgegangen?

Ja, manchmal fordert mich das Jonglieren mit diesen drei Bereichen. Aber ich sehe es eher als eine kreative Herausforderung. Es ist auch nicht so, dass es drei total voneinander getrennte Bereiche sind. Skills, die ich mir bei Reatch in Sachen Kommunikation und Projektmanagement aneigne, fliessen positiv in meine Arbeit ein. Und bei meiner Freiwilligenarbeit lerne ich Menschen kennen, die ich auch privat gerne treffe. Aber es ist ein Jonglieren und ich muss mich immer wieder fragen: Wie viele Ressourcen habe ich? Wie viele Bälle kann ich gleichzeitig in der Luft halten?

 

 

"Man arbeitet inhaltlich an einem spannenden Thema und merkt dann plötzlich, dass man sich über diese Arbeit ein gutes Netzwerk aufbaut. Das gibt mir mega viel zurück."

 

Joel erzählt von drei nützlichen Fähigkeiten, die er sich als Freiwilliger angeeignet hat. 

 

Freiwillige bleiben einem Verein treu, weil sie sich zugehörig und angesehen fühlen. Fördert ihr das aktiv bei Reatch?

Spannende Frage, ich würde gerne „ja natürlich“ sagen (schmunzelt). Reatch fördert das auf verschiedenen Ebenen, wobei uns Corona das ganze zurzeit nicht einfach macht. Konkret hatten wir im Oktober 2020 ein Fest geplant, um die Freiwilligenarbeit unserer Mitglieder zu würdigen. Das mussten wir wegen der Pandemie leider verschieben. Wir haben immer wieder Ideen für Aktivitäten und neue Strukturen, um unseren Mitgliedern Wertschätzung zu zeigen. Ich denke aber, dass es am Schluss an der persönlichen Beziehung liegt, die ein Freiwilliger zu anderen Personen im Verein hat. Diese Beziehung macht aus, dass man sich wertgeschätzt und zugehörig fühlt.

 

Warum lohnt sich für dich Freiwilligenarbeit?

Wenn man freiwillig an einem coolen Projekt arbeitet, lernt man Menschen kennen, die ihrerseits wieder andere spannende Dinge machen. Das kann man zynisch als Networking betrachten. Doch das wirklich Schöne an Freiwilligenarbeit ist, dass sie sich nicht wie ein langweiliger Networking-Anlass anfühlt. Vielmehr arbeitet man inhaltlich an einem spannenden Thema und merkt dann plötzlich, dass man sich über diese Arbeit ein gutes Netzwerk aufbaut. Das gibt mir mega viel zurück.

 

 

 

Serie "Engagiert" 380 Volunteers arbeiten mit viel Herzblut für die neun Wissenschafts-Olympiaden - ganz unentgeltlich. Was bedeutet freiwilliges Engagement konkret? Darüber sprechen wir mit engagierten Teilnehmenden, Lehrpersonen, Wissenschaftler*innen und anderen Menschen aus dem Umfeld der Wissenschafts-Olympiaden.

 

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