04.08.2017

Gesucht: Die Geschichte unseres Universums

2007 nahm Simon Birrer an der Physik-Olympiade teil. 10 Jahre später ist er Astrophysiker, lebt in den USA und forscht – über das Universum, das sich manchmal nicht so verhält, wie es die Theoretiker gerne hätten. Ein Interview über offene Fragen, ausserirdisches Leben und Kinderträume.

Papier, Stift und Computer: Das Büro des Astrophysikers Simon Birrer an der University of California. Bild: Simon Birrer

Als Kind wollte Simon Birrer Astronaut werden. Heute ist er Astrophysiker und erforscht an der University of California die Struktur des Universums. Bild: NASA aus Unsplash

Simon Birrer besucht das Blanco Teleskop in Chile. Hier beobachten Physikerinnen und Physiker die Dunkle Materie, mit der sogenannten Dark Matter Camera. Bild: Simon Birrer

Mirjam Sager: Simon, du schreibst uns aus Los Angeles. Hat dich deine Arbeit in die USA geführt?

Simon Birrer: Eindeutig ja. Ich habe gegen Ende meines Doktorats an der ETH Zürich eine PostDoc-Stelle an der University of California angeboten bekommen – da musste ich einfach zuschlagen. Und jetzt lebe und arbeite ich in Los Angeles.

 

Kommt es oft vor, dass man eine solche Stelle angeboten erhält?

Nein, normalerweise muss man mehrere Bewerbungen schreiben und die internationale Konkurrenz für gute PostDoc-Stelle ist gross. Der Zufall und das Glück waren sicher auch auf meiner Seite. Mein Chef hier an der Universität war auf der Suche nach jemandem mit einem Profil, das genau auf mich passte. Meine Expertise war im richtigen Moment gefragt.

 

Du bist Astrophysiker. Warum ist es wichtig, das Universum zu verstehen?

Ganz einfach: Wir leben darin. Und zwar für eine sehr kurze Zeit auf einem sehr engen Raum im Vergleich zum Alter und den Grössen des ganzen Universums. Etwas besser zu wissen, was räumlich und zeitlich um uns geschieht, ist wichtig. Es gibt der Menschheit Orientierung bei Fragen, die nicht nur für die nächste Generation entscheidend sein können.

 

 


Wer ist Simon Birrer?

Alter: 29 Jahre
Teilnahme an Olympiade: 2007
Gymnasium: Kantonsschule Alpenquai Luzern
Studium: Physik, ETH Zürich


Lieblingsforscher: Galileo Galilei
Lieblingsexperiment: Hubble Weltraum Teleskop
Hobby: Skifahren, Klettern, Fussball, Bergsteigen

 


Kannst du uns kurz erklären, an was du forscht?

Ich erforsche die Struktur und Geschichte unseres Universums. Das Universum konfrontiert uns mit vielen offenen Fragen. Es zeigt sich, dass wir den grössten Anteil der Masse in unserem Universum nicht verstehen (sogenannte Dunkle Materie) und dass noch grössere Kräfte am Wirken sind, die unser Universum beschleunigt ausdehnen lassen (Dunkle Energie).

 

Bild: Tyson Dudley auf Unsplash

 

Ich benutze für meine Arbeit den Gravitationslinseneffekt. Ein Phänomen, das Licht durch die Präsenz grosser Massen beugt (eine Linse). Dieser Effekt wird durch Einsteins Allgemeine Gravitationslehre beschrieben. Mit Hilfe des Gravitationslinseneffekts können wir die Lichtwege rekonstruieren und somit mehr über die Strukturen im Universum erfahren. Insbesondere ob unsere heutigen Theorien und Konzepte zur Erklärung ausreichen - oder eben nicht. Diese Messungen können uns auch wichtige Anhaltspunkte geben, wo wir weiter suchen müssen.

 

Gibt es in deiner Forschung bereits Hinweis, wo du weitersuchen musst? Oder wirft dich deine Forschung oft darauf zurück, dass wir das Universum eben noch zu wenig verstehen?

Es gibt viele interessante theoretische Konzepte, die eine vertiefte Überprüfung rechtfertigen. In der Naturwissenschaft gibt uns die Natur die Fakten vor. Und so kann es schon mal ernüchternd sein, dass das Universum sich einfach nicht nach unseren Ideen verhält. So heisst es oft: Weiter suchen! Wo zu suchen ist, ist der Schlüssel zu vielen Antworten. Wonach ich suche: Als erstes nach Abweichungen im Verhalten des Universums von gängigen Modellen und zwar in Gebieten, wo wir noch nicht gut genug geschaut haben. In meinem Fall in die innere Struktur von einzelnen Galaxien und deren Massenverteilungen.

 

Wie sieht dein normaler Arbeitstag aus? Arbeitest du im Team?

Den grössten Teil meiner Arbeit verbringe ich vor dem Computer in meinem Büro. Ich habe wöchentlich Sitzungen mit meinem Chef und mit den Doktoranden, die ich betreue. Ich besuche pro Woche rund zwei Vorträge von anderen Forschenden und beteilige mich an Telefonkonferenzen mit Wissenschaftlern aus aller Welt. Mehrmals pro Jahr habe ich auch die Möglichkeit, an internationale Konferenzen und Workshops zu gehen. Dort tausche ich mich mit Forscherkollegen über die neusten Entwicklungen aus.

 

Das heisst, das Bild des einsamen Physikers, der in seinem Büro hockt, ist ein Klischee…

Es ist schlichtweg falsch. Als Einzelkämpfer ist man nicht erfolgreich.

 

Auch die Philosophie beschäftigt sich mit dem Weltraum. An der Uni Bern forschen Philosophen zum Thema ausserirdisches Leben. Beschäftigt dich diese Frage als Astrophysiker auch?

Ja, und zwar sehr stark. Heute wissen wir, dass es viele Millionen Galaxien gibt, die unserer Milchstrasse ähnlich sind. Und dass es in unserer Milchstrasse viele Millionen von Sternen gibt, die unserer Sonne gleichen. Es gibt auch starke Anzeichen dafür, dass um viele andere Sonnen Planeten kreisen, die unserem Planetensystem gleichen. Wir müssen uns wohl philosophisch damit abfinden, dass wir nicht die höchst entwickelte Spezies sind, die das Universum je bewohnt hat oder bewohnen wird.

 

Ist Galileo Galilei auch deshalb dein Lieblingsforscher? Weil er unser damaliges Weltbild auch auf den Kopf gestellt hat?

Ja, er hat mit gängigen Konventionen von damals gebrochen und hat eine andere Sichtweise auf unsere Welt vermittelt. Seine Ideen wurden damals von vielen als absurd abgetan – heute sind sie eine Selbstverständlichkeit.

 

Themenwechsel: Wolltest du mal Astronaut werden? Stört es dich nicht, dass du den Raum, den du erforschst, gar nicht erleben kannst?

Als Kind wollte ich tatsächlich Astronaut werden. Heute möchte ich lieber neue Experimente entwickeln und mit meiner Forschung dazu beitragen, dass wir aus diesen Experimenten wichtige Erkenntnisse gewinnen. Einmal aus Spass ins All fliegen – und zurück: Bin dabei!

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