09.12.2019

Jacqueline, 27, Krebsforscherin

Jacqueline Mock forscht an Proteinen, die krebskranken Menschen helfen sollen. Als Doktorandin komme niemand auf die Welt, sagt die Präsidentin der Biologie-Olympiade. Man wird es.

[Translate to English:] Bilder: Severin Nowacki

[Translate to English:] Jacqueline will Wissen und Erfahrungen weitergeben: Während einem Jahr betreut sie die Lernende Sabrina.

[Translate to English:] Die beiden Frauen arbeiten an einem chemischen Experiment, um DNA für Jacquelines Krebsforschung zu gewinnen.

[Translate to English:] Jacqueline lernt viel in den ersten 1.5 Jahren ihres Doktorats: Über Krebsforschung, Teamarbeit und sich selbst.

Vor 1.5 Jahren, am ersten Tag ihres Doktorats, fährt Jacqueline mit dem Bus auf den Hönggerberg, läuft durch das "bestens ausgestattete Labor" der ETH, setzt sich an ihren Arbeitsplatz und hat erst mal keine Ahnung, wie sie ihre Forschung aufbauen soll. "Niemand wird als Doktorandin geboren." Sie richtet ihren Arbeitsplatz ein, hängt Postkarten auf von fernen Ländern, die sie nach der Matura als Flugbegleiterin bereist hat. Viel Landschaft, viel Meer, Tauchen und Wandern sind ihre Hobbies. Für beides hat sie jetzt weniger Zeit. Dafür gibt es abends, nach 9-10 Stunden Arbeit, jede Menge Netflixserien.

 

Der Lernprozess

Bald entdeckt sie die Monats- und Wochenplanungen. Gut lesbar notiert sie ihre Aufgaben, markiert Termine farbig, verschafft sich einen Überblick. "Ein gut geplanter Monat motiviert mich." Wenn man etwas lerne während des Doktorats, dann sei es das: Selbstständigkeit. Eine Fähigkeit, die sich Jacqueline zuerst erarbeiten muss, denn das naturwissenschaftliche Studium bereite einem nicht unbedingt darauf vor: "Sehr vieles im Studium ist vorgegeben, selber planen muss man nicht."

 

Die nächste Herausforderung liegt im Fachbereich der Krebsforschung: Welche Experimente soll Jacqueline wählen? Wo kommt sie an die richtigen Informationen? Wie weiter, wenn ein Experiment nicht das gewünschte Resultat ergibt? Sie recherchiert, liest, fragt bei ihren Kolleginnen und Kollegen nach und trifft alle paar Wochen ihre Betreuungsperson. Die Kaffeepausen mit den anderen Doktorandinnen und Doktoranden erweisen sich als praktisch: "Wir reden offen über die Dinge, die nicht funktionieren." Oft hatte jemand schon mit ähnlichen Problemen zu kämpfen und hilft mit Tipps aus.  

 

Jacqueline lernt viel in diesen ersten 1.5 Jahren, nicht nur über Krebsforschung und Teamarbeit, sondern auch über sich selbst. Anfangs war sie verzweifelt, wenn ein Experiment nicht so lief, wie sie sich das vorgestellt hatte. Eine schwierige Erfahrung für eine Person, die hohe Ansprüche an sich stellt. Mit der Zeit habe sie jedoch gemerkt, dass "jeder Fehler eine Chance sei". Rückblickend betrachtet werde die Forschung besser, wenn man Fehler begehe, weil der Lerneffekt grösser sei. Gesagt ist das einfach. Doch im Moment selbst ist sie enttäuscht und unterdrückt ihre Gefühle nicht. "Es hilft mir, wenn ich joggen gehe oder eine Nacht darüber schlafe." Und am nächsten Tag geht es weiter.

 

Der Ellbogen

Wie an jenem Morgen im November, als wir Jacqueline im Labor der ETH besuchen. Weisser Stoff bedeckt ihre Ellbogen. Die Doktorandin trägt einen Laborkittel, bestickt mit Atomen, Mikroben und ihrem Namen. Ellbögeln ist nicht Jacquelines Ding. Es liegt ihr fern, sie auszufahren, um andere wegzudrängen: "Das ist mir schlicht zu doof." Jacqueline nutzt ihre Ellbogen lieber, um den Arm auszustrecken und auf Andere zuzugehen. Sie will Menschen etwas vermitteln: Wissen, Fähigkeiten oder Erfahrungen.

Das tut sie auch bei der 17-jährigen Sabrina. 10 Jahre jünger als Jacqueline, absolviert sie das 2. Lehrjahr als Biolaborantin in der Forschungsgruppe. Die Doktorandin betreut die Lernende freiwillig, an eine Lohnerhöhung habe sie "ehrlich gesagt nicht einmal gedacht". Gemeinsam arbeiten sie an diesem Morgen an einem chemischen Experiment, um DNA für Jacquelines Krebsforschung zu gewinnen. Jacqueline schaut Sabrina freundlich ins Gesicht, ihre Anweisungen sind klar. Sie schafft Empathie, lacht, wenn sie von ihren eigenen kleinen Missgeschicken im Labor erzählt. 

 

Die Krebsforschung

Für ihre Doktorarbeit stellt Jacqueline Proteine her – sogenannte Zytokine –, die später als Therapeutikum genutzt werden könnten. Die Idee ist einfach: Die Proteine sollen den Körper dazu bringen, das Immunsystem zu aktivieren und die Krebszellen zu bekämpfen. Eigentlich ein normaler Prozess, den der Tumor aber unterbindet, indem er dem Immunsystem suggeriert, es gäbe gar keine kranken Zellen. Die Proteine werden nun eingesetzt, um im Tumor ein Entzündungssignal auszulösen. Die Botschaft an das Immunsystem: Achtung, hier liegt eine Entzündung vor, bitte werde aktiv und bekämpfe den Tumor.

 

Von den 50 Proteinen, die Jacqueline in den vergangenen 1.5 Jahren designt und hergestellt hat, waren 4 geeignet, um sie darauf zu testen, ob sie erfolgreich im Tumor ankommen. Ein Protein war schliesslich so gut, dass Jacqueline einen Therapieversuch mit einer Maus starten konnte.  Die Schwierigkeit bestehe darin, Proteine mit den richtigen Eigenschaften zu produzieren, "nicht nur auf Papier, sondern auch in der Realität". Zu diesen Eigenschaften gehört beispielsweise, dass das Protein erst wirkt, wenn es im Tumor ankommt – und nicht vorher. So können Nebenwirkungen wie Fieber, Grippe oder gar Schockzustände vermieden werden.

 

Das Schicksal der Anderen

Als Kind liest Jacqueline Bücher wie «Feuerhaut», die Heldin ein Mädchen, das sich bei einem Unfall das Gesicht verbrennt. "Das Schicksal von anderen Menschen hat mich damals schon interessiert." Umso mehr, wenn es einen Bezug zu einem medizinischen Thema hatte. Jacqueline träumt davon, Ärztin zu werden. Bis sie merkt, dass ihre Geduld mit Menschen "begrenzt" ist. Die Forschung reizt die damals 20-jährige Jacqueline mehr. Sie will die Details verstehen, die Mechanismen, die hinter dem System "Leben" stecken. Nach der Matura an der Kantonsschule Wettingen und einem einjährigen Ausflug in den Himmel (Flugbegleiterin bei der Swiss) entscheidet sie sich für ein Studium in Interdisziplinären Naturwissenschaften an der ETH Zürich. Fünf Jahre später feiert sie ihren Masterabschluss.

 

Produkt und Prozess

Jacqueline ist ehrgeizig, will mit ihrer Forschung "etwas bewirken". Daher auch der Schritt in die praxisorientierte Forschung, daher die Beschäftigung mit Krebs. Hier sei noch viel Forschung nötig, die Hoffnung, den Patientinnen und Patienten damit helfen zu können, ist gross. Die Kehrseite: Es geht um viel Geld, Firmen und Hochschulen investieren grosse Beträge, "viele Forschungsgruppen arbeiten am selben Thema, konkurrieren sich".

Weil Jacqueline designt, entwickelt und testet, hat sie den gesamten Prozess einer Medikamentenentwicklung im Blick. "Diese Vielfalt schätze ich. Würde ich in der Industrie arbeiten, könnte ich nur an einem Prozess mitarbeiten." Ziel ihres Doktorats ist es, möglichst gute Proteine zu entwickeln. Doch nicht nur das Produkt zählt: "Genauso wichtig ist der Lernprozess für die Forschung an sich." Resultate werden in wissenschaftlichen Papers publiziert, die Protein-Varianten und ihre Eigenschaften vorgestellt, damit andere Gruppen die Resultate überprüfen und die Forschung so vorantreiben können.

 

Langsam erwachsen werden

Während Jacqueline studiert, verdienen einige ihrer Freunde seit Jahren Geld, sind unabhängig von ihren Eltern, richten die erste eigene Wohnung ein, träumen von einer Familie. Bei ihr kommt das alles später. Und das ist gut so: "Ich habe es sehr genossen, langsam erwachsen zu werden", sagt die 27-Jährige. Symbolisch gesprochen beginnt mit dem Doktorat auch eine Art Mutterschaft. Jacqueline benutzt den Begriff "eigenes Baby" für ihre Forschungsarbeit: Man liebt es, ist stolz, trägt Verantwortung. Doch es verlangt einem auch einiges ab: Leistung, Stressresistenz, Wochenendeinsätze – nur der freie Sonntag sei ihr heilig, erzählt Jacqueline. 

 

Denen zeige ich es

Zurück im Labor: Nebst Jacqueline arbeiten 11 weitere Doktorandinnen und Doktoranden in der Forschungsgruppe. Bei 5 Frauen und 7 Männern beträgt der Frauenanteil 41.6% und ist somit höher als der durchschnittliche Anteil weiblicher Doktorandinnen am Departement für Chemie und Biowissenschaften (32.4% (2018), Gendermonitoring ETH). Blickt man die Karriereleiter hoch, so werden Frauen immer rarer. Fast 9 von 10 Professoren am Departement sind Männer (Frauenanteil: 14.8 %, 2018). "Alles eine Frage der Zeit", meint Jacqueline entspannt. Diskriminierung habe sie an der ETH noch nie erfahren. "Niemand in unserer Gruppe traut mir weniger zu, weil ich eine Frau bin."  

 

Vielleicht hat ihre entspannte Haltung auch damit zu tun, dass sie sich als Kind von Stereotypen anspornen liess. "In der Schule sagte man mir: Mädchen sind gut in Sprachen, können aber nicht rechnen." Dass fand sie so daneben und irrational, dass sie allen das Gegenteil beweisen wollte. Heute findet sie es wichtig, dass wir Stereotypen abbauen, weil sie im schlimmsten Fall dazu führen, dass talentierte Frauen nicht in den MINT-Bereich gehen.

 

Fragt man ein zweites Mal nach, fallen Jacqueline doch genderspezifische Unterschiede an der ETH auf: Sie erzählt von Forschungsgruppen, die sehr frauenlastig, oder sehr männerlastig seien. Gruppen, die als sehr kompetitiv gelten, bestehen häufig nur aus Männern. "Hier sind die Leistungserwartungen und der Zeitaufwand sehr hoch, die Ellbogen werden ausgefahren. Frauen tun sich das nicht an." Jacqueline hat zwei Kriterien bei der Auswahl der Doktoratsstellen, auf die sie sich bewirbt: Die Attraktivität des Forschungsthemas und die Zusammensetzung des Teams. Sympathische und kooperative Teammitglieder sind ihr wichtiger als Ellbögler mit Scheuklappen. "Man verbringt so viel Zeit miteinander, dass das nur auszuhalten ist, wenn man die Leute um sich herum mag", meint sie schmunzelnd.

 

Von der Schülerin zum Vorbild

Als Jacqueline vor dem Studienentscheid steht, geht sie nicht zur Berufsberatung. Sie hat andere Ansprechspersonen. Es sind die Freiwilligen der Biologie-Olympiade, nur ein paar Jahre älter als sie, viele studieren Naturwissenschaften. Hier packt es Jacqueline, sie saugt das Wissen auf wie ein Schwamm, wird gefördert. 2011 gewinnt sie Gold und darf die Schweiz an der Internationalen Biologie-Olympiade in Taiwan vertreten. Ein Jahr später beginnt sie, sich als Freiwillige zu engagieren. Sie unterrichtet, entwickelt spannende Prüfungsfragen, organisiert Lager und zeigt Jugendlichen auf, wie cool Biologie sein kann. Seit 2017 ist sie Präsidentin der Olympiade. Vor sieben Jahren haben die damaligen Organisatoren eine Vorbildfunktion für sie gehabt: "Sie haben mich darin bekräftigt, Naturwissenschaften zu studieren." Heute ist Jacqueline das Vorbild.

Jacqueline Mock ist Doktorandin am Departement für Chemie und Biowissenschaften der ETH Zürich und forscht in der Gruppe von Prof. Dario Neri. Sie wurde 1992 in Klingnau, AG geboren, besuchte die Kantonsschule Wettingen und studierte von 2013-2018 Interdisziplinäre Naturwissenschaften an der ETH Zürich. Seit 2012 engagiert sie sich als Freiwillige der Biologie-Olympiade, 2017 hat sie das Präsidium übernommen. Bei der Biologie-Olympiade machen pro Jahr um die 1'400 neugierige Jugendliche mit

Zur Autorin: Mirjam Sager ist Kommunikationsbeauftragte der Wissenschafts-Olympiade

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