26.06.2020

Egalité des chances | Bénévolat

«Macht den ersten Schritt!»

European Girls’ Olympiad in Informatics, kurz EGOI. Nie davon gehört? Kein Wunder: Diese Informatik-Olympiade für junge Frauen soll 2021 in der Schweiz zum allerersten Mal stattfinden. Wir haben mit Stefanie, André und Ivana gesprochen, die an der Organisation der neuen Olympiade beteiligt sind.

Stefanie Zbinden ist die Vorsitzende des EGOI-Organisationsteams. Sie studiert im Master Mathematik an der ETH und macht nebenbei aktiv bei verschiedenen Programmier-

wettbewerben mit. (Foto: Informatik-Olympiade)

 

André Ryser und Stefanie Zbinden an der Internationalen Informatik-Olympiade 2019. André arbeitet an der Universität Fribourg an der Entwicklung von Datenbanken und spielt gerne Badminton. Er ist für die Kommunikation der EGOI zuständig.

(Foto: IOI 2019)

Ivana Klasovita schliesst bald ihr Bachelor-Studium in Informatik ab. Im Organisations-team kümmert sie sich um das Programm während der EGOI, zum Beispiel Ausflüge oder Abendunterhaltung. (Foto: Severin Nowacki)

Wissenschafts-Olympiade: Ivana, Stefanie, André, ihr seid im Organisationsteam der European Girls’ Olympiad in Informatics (EGOI). Ihr widmet diesem Projekt eure Zeit und eure Energie. Auch bevor die EGOI ins Leben gerufen wurde, wart ihr bereits freiwillig bei der Informatik-Olympiade aktiv. Wie seid ihr bei der Olympiade gelandet?

 

Stefanie: Mein Mathematik-Lehrer in der Schule versuchte, den Bruder einer Freundin von der Teilnahme an der Mathematik-Olympiade zu überzeugen. Mir gegenüber erwähnte dieser Lehrer nichts, ich erfuhr nur per Zufall über die Schwester des Jungen davon. Dieser qualifizierte sich dann nicht für die Mathematik-Olympiade − ich schon. Ich habe sowas schon oft gehört: Dieselbe Lehrperson spricht einen Schüler gezielt auf eine Olympiade an, und schlussendlich qualifiziert sich eine Schülerin, die nur aus zweiter Hand davon erfahren hat. Lehrerpersonen sollten auch auf weibliche Talente zugehen!

 

An der Olympiade teilzunehmen, war jedenfalls die beste Entscheidung meiner Kanti-Zeit. Nach zwei Jahren schaffte ich es an die Internationale Mathematik-Olympiade. Am OlyDay, dem jährlichen Abschlussfest der Wissenschafts-Olympiaden, traf ich dann auf Leute von der Informatik- Olympiade. Sie meinten, wenn mir die Mathematik- Olympiade gefallen hat, würde mir Informatik sicher auch Spass machen. Ich entschied mich mitzumachen, obwohl ich noch nie auch nur einen Buchstaben programmiert hatte. Das machte aber nichts! Programmieren kann man lernen. Ivana, konntest du vor der Informatik-Olympiade schon programmieren?

 

Ivana: Nicht wirklich. Meine Zwillingsschwester und ich kamen auch über die Mathematik-Olympiade zur Informatik-Olympiade. Bei der Physik-Olympiade waren wir auch dabei, dank unseres Physiklehrers.

 

André: Bei mir war es ein Aushilfelehrer, der mir im Informatik-Freifach von der Informatik-Olympiade erzählte. Ich nahm vier Jahre in Folge teil. Nach dem Militär fing ich sofort an, bei der Organisation mitzuhelfen. Ich hatte sogar schon die Chance, als Delegationsleiter an die Internationale Informatik-Olympiade zu reisen! Ich bin also schon sehr lange dabei.

 

Woher kam die Idee, eine Informatik-Olympiade für junge Frauen zu organisieren?

 

Stefanie: In der Mathematik gibt bereits seit 2012 die European Girls’ Mathematical Olympiad (EGMO). Dort teilzunehmen hat mein Selbstvertrauen gestärkt. Es hat mir gezeigt, dass auch ich auf dem internationalen Level erfolgreich sein kann.

 

Ivana: Ich war auch an der EGMO, und es ist einfach voll cool! An gemischten Mathematik-Olympiaden triffst du oft nur auf eine Handvoll anderer Mädchen. Dann kommst du an die EGMO und auf einmal bist du nur noch von Frauen umgeben. Du fühlst dich dann nicht mehr seltsam, weil du etwas machst, das nicht als «typisch weiblich» gilt.

 

Stefanie: In der Informatik gibt es noch weniger Frauen als in der Mathematik. Ich habe mich irgendwann gefragt: Warum gibt es dann eine EGMO, aber keine EGOI? Eine internationale Olympiade zu organisieren ist natürlich nicht ganz ohne, daher übte ich mich erstmal an einem Lager für Teilnehmerinnen der Schweizer Informatik-Olympiade. Aber der Gedanke an eine EGOI liess mich nicht mehr los. Vor etwas über einem Jahr setze ich mich dann mit zwei anderen Freiwilligen zusammen und wir beschlossen, dass wir das jetzt durchziehen.

 

André, was motiviert dich, die EGOI zu organisieren? Als Teilnehmer könntest du selber ja gar nicht dabei sein.

 

André: Zum einen ist es für mich persönlich interessant, in die Organisation eines grossen, internationalen Anlasses involviert zu sein. Die EGOI ist auch eine Chance für die Schweiz, sich in der Welt der Internationalen Wissenschafts-Olympiaden einen Namen zu machen. Mit der EGOI füllen wir eine Lücke: Es gibt einige regionale Wettbewerbe in Informatik, aber noch keine gesamteuropäische Informatik-Olympiade. Das finde ich schade. Europa eignet sich mit dem Schengenraum und den kurzen Distanzen für eine internationale Olympiade, bei der man nicht gleich seinen ökologischen Fussabdruck verdoppeln muss, um mitzumachen. Und wir tun mit der EGOI etwas für die Förderung von Frauen in der Informatik. Davon wird zwar viel gesprochen, aber es gibt nicht viele konkrete Initiativen. Wenn sich mehr Frauen für Informatik begeistern, dann hilft das der Informatik, und auch der Schweizer Informatik-Olympiade. Uns entgehen Talente, wenn wir nur die Hälfte der Bevölkerung ansprechen.

 

Ihr alle habt vorher noch nie an einem Projekt wie der EGOI gearbeitet. Auf welche Herausforderungen seid ihr gestossen? Was hat euch überrascht?

 

André: Da es bis zur EGOI noch eine Weile dauert, liegt die meiste Arbeit noch vor uns. An der EGOI sind verschiedene Organe beteiligt und nicht alle hatten bis jetzt viel zu tun. Überrascht hat mich bisher, wieviel wir in Kommunikation investieren müssen. Unter den Freiwilligen der Informatik-Olympiade haben die wenigsten Erfahrung damit. Ich habe die Kommunikation für die EGOI übernommen, weil ich mich bei der Informatik-Olympiade jeweils um die Webseite und die Poster gekümmert hatte. Aber gerade, wenn man auch die breite Öffentlichkeit erreichen will, bedeutet Kommunikation viel mehr als das. Damit hatte ich am Anfang nicht gerechnet.

 

Was sollen die Teilnehmerinnen von der ersten EGOI mitnehmen?

 

Ivana: Ich wünsche mir vor allem, dass sie Freundschaften schliessen, dass sie Leute kennenlernen, die auf derselben Wellenlänge sind. Ich habe an der EGMO vor fünf Jahren Leute getroffen, mit denen ich heute noch in Kontakt bin.

 

André: Mein Wunsch ist, dass sie eine schöne Zeit bei uns verbringen und die Schweiz in guter Erinnerung behalten. Wer weiss, vielleicht kommen einige von ihnen später mal wieder! Ich möchte, dass die Teilnehmerinnen die Schweiz kennenlernen, aber auch all die anderen Länder, die mitmachen. Es gibt wenige Veranstaltungen, bei denen man so viele Leute aus verschiedenen Ländern treffen kann, wie bei einer internationalen Wissenschafts-Olympiade.

 

Stefanie: Die Teilnehmerinnen der ersten EGOI sind sehr wichtig, aber man darf auch nicht vergessen, dass wir mit dieser EGOI keinen einmaligen Anlass planen. Wir wollen eine neue Tradition gründen, es soll jedes Jahr eine EGOI geben, wie bei anderen internationalen Olympiaden auch. Wenn ein Land daran teilnehmen will, müssen sie erstmal eine Delegation von vier Frauen zusammenstellen. Das bedeutet, dass sie Teilnehmerinnen an ihre nationalen Olympiaden locken müssen. Meine Hoffnung ist, dass die EGOI so nicht nur einen Einfluss auf die Teilnehmerinnen hat, sondern auf die Vielfalt in der Informatik allgemein.

 

Danke für das spannende Gespräch! Möchte jemand noch etwas hinzufügen?

 

Stefanie: Vor drei Jahren hätte ich es mir selbst nie zugetraut, Hauptorganisatorin einer internationalen Olympiade zu sein − geschweige denn, eine ins Leben zu rufen. Doch ich habe an der EGMO Teilnehmerinnen kennengelernt, die Ähnliches geschafft haben. Viviane Kehl, die an der Organisation der EGMO 2017 in der Schweiz beteiligt war, sagte damals in ihrer Eröffnungsrede: «Vor fünf Jahren sass ich noch unter euch Teilnehmerinnen. Vielleicht werdet ihr in fünf Jahren auf der Bühne stehen und eure eigene EGMO eröffnen.» Solche Vorbilder gaben mir den Mut, es mit der EGOI zu versuchen. Ich möchte, dass auch andere junge Frauen dies verinnerlichen: Ihr könnt so viel mehr erreichen, als ihr euch im Moment zutraut. Ihr könnt Programmieren lernen und damit Erfolg haben. Ihr könnt eigene Projekte ins Leben rufen und sie verfolgen. Glaubt an euch und macht den ersten Schritt!

 

Die European Girls’ Olympiad in Informatics (EGOI) ist eine neue Informatik-Olympiade für junge Frauen, die von Freiwilligen der Schweizer Informatik-Olympiade initiiert wurde. Die erste EGOI ist für den 13. bis 19. Juni 2021 geplant. Delegationen aus voraussichtlich 24 europäischen Ländern werden sich an der ETH Zürich eine Woche lang der Informatik widmen.

 

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