{"news":[{"uid":4326,"title":"Mathys in der Welt der Mathe","teasertext":"Wenn man auf der Strasse an Mathys Douma vorbeigeht, w\u00fcrde man wahrscheinlich nicht vermuten, soeben dem ersten Schweizer IMO-Goldmedaillengewinner seit 17 Jahren begegnet zu sein. Wer ist dieser junge Mann mit dem ansteckenden L\u00e4cheln? Volunteer Tanish Patil zeichnet ein Portr\u00e4t.","short":"Wenn man auf der Strasse an Mathys Douma vorbeigeht, w\u00fcrde man wahrscheinlich nicht vermuten, soeben dem ersten Schweizer IMO-Goldmedaillengewinner seit 17 Jahren begegnet zu sein. Der entspannte Jurassier entspricht nicht dem Stereotyp eines mathematischen Wunderkinds. Wer ist dieser junge Mann mit dem ansteckenden L\u00e4cheln? Volunteer Tanish Patil zeichnet ein Portr\u00e4t.","body":"

Am 22. Juli 1991 betrat die erste Schweizer Teilnehmerin an einer Internationalen Mathematik-Olympiade (IMO) - Bea Wollenmann, eines von nur 17 M\u00e4dchen, die in jenem Jahr teilnahmen - bei der Schlussfeier die B\u00fchne und nahm eine Bronzemedaille entgegen. Bea war die erste von 110 Teilnehmenden, die in 33 Jahren Schweizer IMO-Teilnahme 78 Medaillen gewonnen haben. <\/p>\r\n\r\n

Etwa eine Milliarde Sekunden sp\u00e4ter, am 1. April 2023: Mathys Douma und Bora Olmez gewinnen an der Schweizer Mathematik-Olympiade (SMO) Gold f\u00fcr ihre beispiellosen Leistungen. Sie schliessen sich dem Schweizer Team an der 64. IMO in Japan an und Mathys gewinnt im Juli die zweite Goldmedaille f\u00fcr die Schweiz,nach der ersten im Jahr 2006. Eine Zeit, als \"Hips Don't Lie\" von Shakira an der Spitze der Charts stand und Mathys' Geburt in Del\u00e9mont noch ein paar Monate entfernt war. <\/p>\r\n\r\n

Mathys' Eltern - seine Mutter stammt aus Frankreich und Benin, sein Vater aus Kamerun - haben sich in der Schweiz kennengelernt, wo sie beide medizinischen Berufen nachgehen. Als Kind nahm  Mathys so viele mathematische Gelegenheiten wahr, wie m\u00f6glich. Er besuchte den Euler-Kurs, war beim Schweizerischen Mathematikspieleverband dabei und nat\u00fcrlich bei der SMO. \"Ich f\u00fchle mich definitiv mehrheitlich als Schweizer, auch wenn mein Stammbaum Wurzeln in anderen L\u00e4ndern hat\", sagt er. Das Essen zu Hause ist oft \"langweilig und schweizerisch\", gibt er zu, obwohl er bekennt, dass er durch die K\u00fcche seiner Eltern auf den Geschmack von Ingwer gekommen ist. Nachdem Mathys w\u00e4hrend der IMO 2022 beim Konsum von Ingwer-Shots zum Fr\u00fchst\u00fcck beobachtet wurde, brachen unter den anderen Teilnehmenden Spekulationen lol, ob Ingwer das Geheimnis seines Erfolgs sein k\u00f6nnte. Er beteuert jedoch, dass sein Geheimnis eher \"die Musik von Tom Rosenthal, frische Luft am Morgen und eine gute Nachtruhe\" sei.<\/p>\r\n\r\n

An der IMO l\u00f6sen die Teilnehmenden w\u00e4hrend zwei Tagen insgesamt 6 Aufgaben in 9 Stunden. 2023 l\u00f6ste Mathys alle Aufgaben bis auf die schwierigste perfekt und erreichte damit als erster Schweizer 35 Punkte und den 28. Rang von \u00fcber 600. Die erste Person, der er von seiner Goldmedaille erz\u00e4hlte, war seine Mutter. \"Ich habe es ihr per E-Mail mitgeteilt... um es spannend zu machen!\" <\/p>\r\n

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Der erste Schweizer IMO-Goldmedaillengewinner seit 17 Jahren.<\/p>\r\n\r\n

Vielen Teilnehmern f\u00e4llt es schwer, ihren Freunden und ihrer Familie zu erkl\u00e4ren, was sie bei der Mathematik-Olympiade eigentlich machen. Mathys w\u00fcrde die SMO als \"interaktiver und pers\u00f6nlicher\" als die Schule beschreiben: Statt Dinge auswendig zu lernen, \"hat man ein paar wenige Regeln, und der Rest ist ein Sandkasten, in dem man spielen kann\". Er sch\u00e4tzt es, viele verschiedene Freundeskreise mit unterschiedlichen Hintergr\u00fcnden zu haben: seine Freunde von der Mathe-Olympiade, seine Freunde aus dem Gymnasium und seine Freunde von anderen Olympiaden. Mathys nahm auch an der Schweizer Philosophie-Olympiade und der Internationalen Philosophie-Olympiade (IPO) teil. Zudem hat er Freunde aus anderen Disziplinen, die er bei Schweizer Jugend Forscht oder am OlyDay, dem j\u00e4hrlichen Abschlussfest der Wissenschafts-Olympiaden, kennengelernt hat.<\/p>\r\n\r\n

Er gibt zu, dass es bei IPO einfacher war, Freundschaften zu schliessen als bei IMO. Er meint, dass \"... ein kleineres Umfeld auch bedeutete, dass es vielleicht einfacher war, sich mit Leuten anzufreunden. Ich habe immer noch viele Freunde von der IPO, w\u00e4hrend es an der IMO aufgrund der gr\u00f6sseren Menschenmenge schwieriger sein kann, die Leute richtig kennen zu lernen.\" In der Tat hat er immer noch Kontakt zu vielen seiner philosophischen Freunde. An der IMO letztes Jahr in Japan traf er seinen japanischen Freund von der IPO wieder, der ihm Geschenke machte: \"Origami, Schokolade - ich hatte also viele Gl\u00fccksbringer f\u00fcr die Pr\u00fcfung!\". Er stimmt jedoch bereitwillig zu, dass seine Erfahrungen an der IMO in vielerlei Hinsicht auch besser waren - zum Beispiel waren \"die Duschen im Hotel nicht kaputt!\"<\/p>\r\n\r\n

Mathys' Leidenschaften f\u00fcr Philosophie und Mathematik erg\u00e4nzen sich in vielerlei Hinsicht, und er findet viele Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Disziplinen: \"In der Philosophie sch\u00e4rft man seine Intuition zu einem rigorosen Instrument, was dem Vorgehen in der Mathematik sehr \u00e4hnlich ist. Der Hauptunterschied besteht vielleicht darin, dass es in der Mathematik in der Regel nur eine richtige Antwort gibt, w\u00e4hrend die Philosophie nat\u00fcrlich f\u00fcr mehrere Interpretationen offen ist - aber beide sind sehr kreativ.\"<\/p>\r\n\r\n

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Mathys an der IPO 2022 in Lissabon.<\/p>\r\n\r\n

Mathys kann sich vorstellen, noch viele Jahre bei der SMO mitzuhelfen und w\u00fcrde gerne als Leiter an der IMO 2026 in China teilnehmen. Er unterrichtet gerne und ist der Meinung, dass die Art und Weise, wie Mathematik in den Lehrpl\u00e4nen der Sekundarstufe II behandelt wird, verbessert werden kann. Er pl\u00e4diert daf\u00fcr, den Schwerpunkt auf \"Dinge zu legen, die nicht unbedingt rein mathematischer Natur sind, aber dennoch wichtig zu lernen sind - Probleml\u00f6sef\u00e4higkeiten, das Finden von Gegenbeispielen, die Kunst des logischen Denkens an sich\". Er f\u00fcgt hinzu, dass jeder Mensch auf unterschiedliche Weise lernt und dass es keine Herangehensweise gibt, die f\u00fcr alle gleich gut passt. <\/p>\r\n\r\n

Freiwillige wie Mathys sind f\u00fcr die Schweizer Wissenschafts-Oympiaden unentbehrlich; \u00fcber 400 Personen engagieren sich in ihrer Freizeit f\u00fcr die zehn Vereine. Viele ehemalige SMO-Teilnehmende helfen ehrenamtlich mit. Sie unterrichten, korrigieren, schreiben Pr\u00fcfungen, begleiten die Teams an internationale Wettbewerbe und - vielleicht das Wichtigste - bekochen und betreuen die Jugendlichen im Lager.<\/p>\r\n\r\n

Die Frage, ob junge Talente wie er die Pflicht haben, ihr Wissen an die n\u00e4chste Generation weiterzugeben, bringt Mathys ins Gr\u00fcbeln. Er ist der Meinung, dass \"...Leute, denen es bei der SMO gefallen hat, sich sowieso freiwillig engagieren, oder?\" und findet es wunderbar, dass sich dies ganz von selbst ergibt. Zur allgemeineren Frage, ob sich herausragende K\u00f6pfe der Forschung widmen sollten - anstatt ihre gefragten F\u00e4higkeiten zum Beispiel der Wirtschaft zur Verf\u00fcgung zu stellen - argumentiert er, dass die Menschen eine Verantwortung haben, die Gesellschaft und das Leben der Menschen um sie herum zu verbessern, dass dies aber auch ausserhalb ihrer regul\u00e4ren Arbeit geschehen kann. <\/p>\r\n\r\n

Mathys ist sich auch der gesellschaftlichen Ungleichheiten bei Mathematik-Olympiaden bewusst. Letztes Jahr bei der IMO waren nur 67 von 618 Teilnehmern weiblich. Nur 13 von 112 teilnehmenden L\u00e4ndern waren afrikanische Staaten, und keines von ihnen schaffte es in die Top 50. Mathys unterhielt sich mit dem stellvertretenden Leiter von Kamerun, als das Land 2023 zum ersten Mal teilnahm, und er ist gerne bereit, die Entwicklung der  Mathematik-Olympiaden auf dem Kontinent nach M\u00f6glichkeit zu unterst\u00fctzen, auch wenn er hinzuf\u00fcgt, dass \"(...) es ein Anliegen ist, dass nicht mehr oder weniger wichtig ist, als viele andere Anliegen\". <\/p>\r\n

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Mathys erh\u00e4lt am OlyDay 2023 den Preis f\u00fcr die beste internationale Einzelleistung.<\/p>\r\n\r\n

Mathys sieht sich als Schweizer, aber er ist auch stolz auf all das, was ihn hervorhebt, von seiner Hautfarbe bis hin zu seinem Aktivismus. Er geniesst die Multikulturalit\u00e4t der Mathematik-Olympiade und die Diversit\u00e4t ihrer Teilnehmenden. Mathys hat auch schon Erfahrungen mit Vorurteilen gemacht, ist aber der Meinung, dass der beste Weg, damit umzugehen, darin besteht, mit Klischees zu brechen. Seiner Meinung nach ist es das Wichtigste, es einfach zu versuchen: \"Wenn es jemand vor dir geschafft hat, dann weisst du, dass es m\u00f6glich ist\". Er betont jedoch, dass die Menschen auch Vorbilder brauchen, um sie zu ermutigen, etwas Neues auszuprobieren. Vielleicht kann er f\u00fcr einige der Teilnehmenden, die er als Freiwilliger trifft, genau das sein. <\/p>\r\n\r\n

N\u00e4chstes Jahr wird Mathys sein Bachelorstudium in Mathematik an der EPFL abschliessen, danach will er eine Pause einlegen, um die Welt zu sehen. Er hofft auch, bei der Durchf\u00fchrung der IMO in der Schweiz mithelfen zu k\u00f6nnen. Was seine eigene Karriere betrifft, so macht er nur wenige Vorhersagen, da er die vielen M\u00f6glichkeiten, die es gibt, in Ruhe erkunden m\u00f6chte. \"Die Welt ist gross und es gibt eine Menge zu tun\", sagt er. Oder, wie einer seiner Lieblingstextzeilen von Tom Rosenthal lautet: \u201cDon\u2019t die curious!\u201d<\/p>\r\n