08.11.2021

Volontariato

Let’s talk: Alles hat in Pully begonnen

Das allererste Schweizer Team, das an eine internationale Wissenschafts-Olympiade reist, stammt aus der Romandie. Ja, du hast richtig gelesen: Alles beginnt im Juli 1986 in Pully. Wie aus einer westschweizer Erfahrung ein schweizweites Angebot entsteht, erzählen wir dir in diesem Artikel.

Kurz vor Ende des Kalten Krieges korrigiert der Romand Maurice Cosandey in Budapest Chemie-Prüfungen - zusammen mit seinen Lehrerkollegen aus Europa.

“Ich bin Fan von Vereinen”, erzählt uns Maurice Cosandey zu Beginn des Gesprächs. Der 84-jährige Romand hat 1987 die erste Schweizer Delegation für die Internationale Chemie-Olympiade (IChO) zusammengestellt. Damals arbeitete er als Lehrer am Gymnasium Chamblandes. Seither engagiert er sich für Bildung und die Wissenschafts-Olympiaden. Man merkt es Maurice an: Er teilt seine Erfahrungen gerne. “Bevor ich über die Romandie spreche, müssen wir uns den damaligen historischen Kontext anschauen, der sehr prägend war.”  

1968 : Kalter Krieg und Widerstand

Alles beginnt 1968. Der Tschechoslowakische Politiker Alexander Dubcek führt den “Sozialismus mit menschlichem Antlitz” an, Veränderungen wie die Pressefreiheit und die Redefreiheit werden eingeführt. Die Bewegung nabelt sich vom sowjetischen Einfluss ab, wird jedoch zerschlagen, als russische Truppen in die Tschechoslowakei einmarschieren. Der Wille zum Widerstand der TschechoslowakInnen musste sich anders manifestieren. “Genau zu diesem Zeitpunkt hatte eine Gruppe von Chemielehrpersonen die Idee, einen Wettbewerb für SchülerInnen der Sekundarstufe ins Leben zu rufen. Dies in Zusammenarbeit mit Polen und Ungarn, aber ohne die UdSSR”, erklärt Maurice Cosandey.

 

 

 

Die erste internationale Chemie-Olympiade war geboren. 1968 fand sie in der Tschechslowakei statt, das Jahr darauf in Polen. Ein jährlicher Turnus-Modus also, der bis heute so gepflegt wird. “1970 aber hat Russland Wind gekriegt von der Sache und ist eingeschritten, damit die Chemie-Olympiade nicht in Ungarn stattfinden konnte”. Russland nahm die Fackel in die Hand, lud andere Ostblockländer ein und veranstaltete den Wettbewerb 1971 in Leningrad. Als die Rumänen an der Reihe waren, die Veranstaltung zu organisieren, beschlossen sie, diese für andere westeuropäische Länder zu öffnen: Österreich, Schweden und... die Schweiz.

 

Das kam nicht gut an

Das offizielle Einladungsschreiben wurde an das Schweizer Bildungsministerium gesandt. Nur gibt es in unserem Land kein solches Departement: Der Brief gerät im Bundeshaus in Vergessenheit, ein Schweizer Team sucht man an der IChO in Rumänien vergebens. Schweden und Österreich hingegen nehmen teil, landen aber auf den hinteren Plätzen. "Diese Delegationen stellten fest, dass die Länder des Ostblocks besser abschnitten, weil sie ihre Schülerinnen und Schüler gezielt auf den Wettbewerb vorbereitet haben.” Die Idee einer Vorbereitungsphase beginnt sich zu entwickeln.

 

Im folgenden Jahr wurden nach und nach Frankreich, Belgien und weitere westliche Länder eingeladen.  Der Wettbewerb war ein großer Erfolg und wurde zu einer jährlichen europäischen Veranstaltung. "Immer mehr Länder traten der Organisation bei. Jedes Jahr musste der Veranstaltungsort gewechselt werden: einmal im Osten und einmal im Westen. Aber die Schweiz war weit und breit nicht zu sehen. ”

 

“Eine Olympiade? Was ist denn das?!?”

Der mysteriöse Brief ging über 15 Jahre lang jedes Jahr an die falsche Adresse. Bis 1986. Dank dem Bundesbeamten Ernst Flammer gelangte das wertvolle Dokument in den Besitz des Vereins Schweizerischer Naturwissenschaftslehrerinnen und -lehrer, wo Maurice Vertreter für die Romandie war.

 

"Während einer Sitzung nahm der Präsident den Brief aus seiner Akte und fing an zu lesen: ‘Eine Olympiade? Was ist denn das?’”. Die Schweizer waren als Beobachter in die Niederlande eingeladen worden. Doch der Verein war zunächst nicht interessiert. Maurice beschloss dennoch, sich auf dieses Abenteuer einzulassen: "Ich bin allein in die Niederlande gefahren, ich habe als Beobachter teilgenommen und begonnen, dieses neue Universum zu entdecken".

 

Serie Let's talk. Die Wissenschafts-Olympiade bringt junge Menschen aus allen Ecken der Schweiz zusammen. Sie spricht also mehr als drei Sprachen. Wie funktioniert das? Ist der Röstigraben ein Mythos oder eine Realität? Und: Wie reden eigentlich die Wissenschaften? Und was sagt unser Körper? In unserer Serie “Let’s talk” lernst du viele Facetten des Themas “Sprache” kennen. Eine tolle Art, die neuste Wissenschafts-Olympiade in der Schweiz zu begrüssen: die Linguistik-Olympiade!

 

Schritt für Schritt zu den Olympiaden

Begeistert kehrt Maurice zurück. "Ich habe direkt mit meinen Kollegen darüber gesprochen: 'Wie sieht es aus mit einem Schweizer Team für die IChO?' Sie antworteten zögernd: 'Warum nicht....naja... mit unseren Kantonen ist das etwas kompliziert... versucht es zuerst in der Romandie'”. Auch kleine Schritte führen zum Ziel.

 

Zurück am Gymnasium Chamblandes versucht Maurice Cosandey, seine SchülerInnen zu motivieren, aber ohne Erfolg. "Also wählte ich einfach einige Jugendliche aus meiner Klasse 3MC und sagte: ‘Du, du und du. Ihr seid das Schweizer Chemie-Team’”. Einer von ihnen war Pierre-Alain Ruffieux, der heutige CEO von Lonza.

 

Die erste Schweizer Delegation fährt mit dem Nachtzug von Lausanne nach Budapest. "Es war eine fantastische Erfahrung, zum ersten Mal mit diesen jungen Menschen an die Chemie-Olympiade zu fahren. Aber wir sind im Wettbewerb auf dem letzten Platz gelandet", sagt Maurice lachend. "Ich habe meinen Kolleginnen und Kollegen im Verein erklärt, dass wir am schlechtesten abgeschnitten hatten und dass wir uns eine andere Strategie für die Auswahl und Vorbereitung der Kandidaten einfallen lassen müssen”.

 

 

Maurice Cosandey (Mitte) und das IChO-Team reisen 1987 im Nachtzug von Lausanne nach Budapest.

 

1993 - Die erste Silbermedaille 

In seinem Büro im Gymnasium Chamblandes richtete Maurice das erste Hauptquartier der Wissenschafts-Olympiade ein. Er wurde ein echter “Community Manager”: Er rekrutierte Teilnehmende, trainierte sie für die Wettbewerbe und entwarf sogar eigenes Kommunikationsmaterial. Die Plakate, die er in der ganzen Schweiz verschickte, sind die ersten Prototypen der heutigen Poster. "Aus St. Gallen kam eine Anmeldung. Nach und nach begeisterten sich junge Menschen aus der ganzen Schweiz.” Dank den Vorbereitungskursen werden auch die Resultate der Schweizer Delegationen immer wie besser.  

 

Marco Ziegler ist ein Schüler, der Maurice Cosandey besonders beeindruckt hat. Er nahm an drei verschiedenen Olympiaden teil und erforschte im Thurgau die Wasserqualität mit alten Geräten von Chemieunternehmen. 1993 gewann Marco Ziegler die erste Silbermedaille für die Schweiz. Damit war auch unser Land im Rennen. 

 

Wenn Wissenschaft und Freiheit Hand in Hand gehen

"Bei jeder Chemie-Olympiade habe ich Menschen mit bemerkenswerten Lebenserfahrungen getroffen", erinnert sich Maurice. Kurz vor dem Fall der Mauer trank er einen Kaffee mit dem litauischen Chemielehrer Rimantas Vaitkus. Vaitkus erzählte ihm von dem Wunsch seines Landes nach Unabhängigkeit. Maurice erzählte ihm von der Olympiade und ermutigte ihn, mit einer eigenen, von der UdSSR unabhängigen Delegation teilzunehmen. 

Als Litauen drei Monate später unabhängig wurde, konnte Vaitkus die erste offizielle litauische Delegation zur IChO schicken. Vaitkus wurde später Bildungsminister des freien Litauens.

Maurice bewahrt bis heute einen mehr als 2 Meter langen Schal auf, den die litauische Delegation bei ihrer ersten Teilnahme trug. Ein Symbol der Freiheit, aber auch ein wissenschaftliches und diplomatisches Symbol, das ihm sein langjähriger Freund als Zeichen der Wertschätzung schenkte.

 

Zukunftsperspektiven

Wie sieht Maurice die Wissenschafts-Olympiaden heute? Die Organisation habe sich mittlerweile vollständig von ihrem politischen Image, aber auch von ihren französischsprachigen Wurzeln gelöst. Die Geschäftsstelle ist in Bern zuhause und die DeutschschweizerInnen sind bei allen Olympiaden in der Mehrheit. "Ich denke, da steckt einfach eine andere Vorstellung von Bildung dahinter. Im französischsprachigen Lehrplan werden die Sprachen stark gepflegt", sagt er.

 

Im nächsten Artikel der Serie “Let’s Talk” gehen wir der Frage nach, ob es bei den Wissenschafts-Olympiaden einen Röstigraben gibt. 

 

Auch in der Deutschschweiz dauert das Gymnasium in den meisten Kantonen vier, manchmal sogar sechs Jahre. In einigen Kantonen der Westschweiz hingegen, zum Beispiel Neuenburg und Waadt, schliessen die SchülerInnen nach nur drei Jahren ab. Für Maurice wirft dies Fragen zur Chancengleichheit auf. Wie sieht es auf internationaler Ebene aus? "In vielen Ländern sind die Olympiaden an die Bildungsministerien angegliedert, die involvierten Personen werden bezahlt, es gibt kaum Freiwilligenarbeit. "So werden die Mittelschulen besser erreicht", meint Maurice.

 

Maurice Cosandey engagiert sich auch heute noch für die Chemie-Olympiade. Spoiler: Er erzählt uns, dass er für die IChO 2023, die in der Schweiz stattfinden wird, die erste Schweizer Delegation von 1987 einladen will. Fortsetzung folgt...

 

 

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