Für die Schweizer Wissenschafts-Olympiaden war dieser Sommer ein historischer Erfolg. Neben vielen anderen beeindruckenden Leistungen kehrten sowohl die Mathematik- als auch die Wirtschafts-Olympiade mit je zwei Goldmedaillen aus China zurück. Als kleines Land übertrifft die Schweiz an diesen Wettbewerben alle Erwartungen. Wir haben die Teamleiter nach dem Geheimnis ihres Erfolgs gefragt – und mit ihnen über den Wettbewerbsgedanken philosophiert.
Die Schweizer Delegation an der Internationalen Wirtschafts-Olympiade, mit Maximilian Thiersch links.
Die Schweizer Delegation an der Internationalen Mathematik-Olympiade mit Raphael Angst (sitzend, links) und Mathys Douma (sitzend, rechts).
Wie geht ihr an die Vorbereitung auf die Olympiade heran?
Maximilian (Wirtschaft): Als Teamleiter halte ich es für äusserst wichtig, unsere Teilnehmenden zu motivieren. Gleich zu Beginn des Wettbewerbs haben wir uns als Team drei Ziele gesetzt: Erstens, so viel wie möglich zu lernen. Zweitens, tolle, gleichgesinnte Menschen kennenzulernen, und drittens, die erste Goldmedaille der Schweiz an der Internationalen Wirtschaftsolympiade zu gewinnen.
Wie motiviert man die Teilnehmenden, ihr Bestes zu geben, ohne dass sie sich unter Druck gesetzt oder gestresst fühlen?
Raphael (Mathematik): Es gibt keine optimale Strategie, um die Teilnehmenden anzuspornen, ohne sie zu überfordern oder zu sehr zu belasten – das hängt vom jeweiligen Teilnehmenden ab. Manche sind von Natur aus gelassener, andere angespannter.
Mathys (Mathematik): Für mich ist es am wichtigsten, da zu sein, falls sie individuelle Unterstützung brauchen, insbesondere emotional. Da das Team aus sechs Teilnehmenden besteht, die ihre Fähigkeiten das ganze Jahr über unter Beweis gestellt haben, möchte ich sicherstellen, dass sie sich dessen bewusst sind und dass sie die bestmöglichen Bedingungen haben, um ihr Ziel zu erreichen.
Glaubst du, dass Wettbewerb generell ein gutes Mittel ist, um Menschen zu ermutigen, sich weiterzuentwickeln?
Maximilian: Ehrgeizige Ziele können einen unglaublichen Teamgeist schaffen und jedem etwas Spannendes geben, auf das er oder sie hinarbeiten kann. Gleichzeitig muss der Weg dorthin Spass machen. Wir haben dafür gesorgt, dass es bei der Vorbereitung nicht nur ums Lernen und um die Leistung ging. Durch Spieleabende, Karaoke und einfach das Zusammensein wurden die Teilnehmenden enge Freunde, die sich gegenseitig unterstützten. Letztendlich denke ich, dass das beste Umfeld hohe Ambitionen mit einer grossartigen Erfahrung verbindet.
Mathys: Ich bin dem Konzept des Wettbewerbs eigentlich ziemlich abgeneigt. Ich denke, es kann ein effizientes Mittel für die Teilnehmenden sein, Selbstvertrauen zu gewinnen, aber es ist sehr wichtig, es zu dekonstruieren und es nicht als Selbstzweck zu betrachten. Man muss darauf hinweisen, dass es bei der Wissenschafts-Olympiade (oder allgemeiner in der Wissenschaft) nicht darum geht, gegen andere anzutreten, sondern vielmehr darum, gegen sich selbst und die eigenen Hindernisse anzutreten und ein*e bessere*r Wissenschaftler*in zu werden – was auch immer «besser» bedeutet.
Als Wissenschafts-Olympiade feiern wir Erfolge wie die Goldmedaillen eures Teams öffentlich, zum Beispiel mit Medienmitteilungen oder Posts auf sozialen Medien. Hast du das Gefühl, dass dieser Hype um die Erfolgsgeschichten andere Teilnehmende entmutigen könnte?
Raphael: Ganz im Gegenteil! Ich glaube, als Mathys 2023 als erster Schweizer nach vielen Jahren wieder Gold gewonnen hat, hat das unseren Teilnehmenden gezeigt, was alles möglich ist. Ohne dieses Vorbild hätten sie vielleicht nicht so hart auf ihr Ziel gearbeitet, wie sie es getan haben. Natürlich kann es bei manchen, die ein bestimmtes Ziel anstreben, es aber nicht erreichen, zu Frustration kommen. Doch um dies zu vermeiden, sollten wir den Hype um unsere Erfolgsgeschichten nicht dämpfen, sondern vielmehr die Einzigartigkeit dieser Leistungen hervorheben.
Mathys: Ich finde, die Wissenschafts-Olympiade schafft hier eine gute Balance. Der Hype ist für die Goldmedaillengewinner cool und bietet uns eine Plattform, um über unsere Arbeit zu sprechen, aber es ist wichtig, dass sich nicht alles nur um die Goldmedaillengewinner dreht – zum Beispiel, indem man auch andere Teilnehmende interviewt.
Was schätzt du persönlich an deiner Olympiade, das nichts mit Medaillen zu tun hat?
Raphael: Nun, wie uns viele Geschichten aus unserer Kindheit gelehrt haben: Es geht nicht um den Schatz und das Gold, sondern um die Freunde, die wir auf dem Weg dorthin gewonnen haben. Ich denke, gleichgesinnte Freunde zu finden, ist besonders ermutigend für unsere jungen Mathematiker*innen, die sich zwar durch logisches Denken auszeichnen, aber manchmal nicht das Bedürfnis verspüren, sich auf Small Talk einzulassen. Es ist sicherlich einfach, sich mit Menschen anzufreunden, die die gleichen Interessen haben wie man selbst, und ich glaube, dies könnte für einige Teilnehmende ein Anstoss für ihr soziales Leben sein.
Jahresthema “Look up!”: Zu wem schauen wir auf? Was sehen wir, wenn wir nach oben schauen – vielleicht mithilfe eines Teleskops bei der neuen Astronomie-Olympiade? So wie ein Schiff anhand der Sterne seinen Weg findet, geben uns auch Vorbilder Orientierung. 2026 treffen wir inspirierende Menschen und mit jene, die von ihnen inspiriert wurden. Wir stellen Förderangebote vor, an denen man sich ein Beispiel nehmen kann. Und wir richten den Blick zum Himmel. Abonniere jetzt den Newsletter oder folge uns auf Instagram, um nichts zu verpassen!