24.12.2020

Freiwilligenarbeit

Engagiert: Richard, Freiwilliger bei der Physik-Olympiade

Richard Heimgartner organisiert seit über 20 Jahren die Physik-Olympiade mit. Manchmal belastet ihn die Freiwilligenarbeit doppelt. Gleichzeitig gibt sie ihm viel zurück, erzählt der Kantilehrer im Interview.

Richard Heimgartner in seinem Schulzimmer an der Neuen Kantonsschule Aarau. (Alle Fotos: Claudia Christen).

 

"Egal wo, Hauptsache man engagiert sich", meint Richard.

Wie kam es zu Ihrem Engagement an der Physik-Olympiade? 

Als ich in den 90-er Jahren begann, an der Kantonsschule zu unterrichten, wurde ich von zwei erfahrenen Physiklehrern, Alfredo Mastrocola und Peter Kaufmann, eingeführt. Die beiden engagierten sich schon damals für die Physik-Olympiade. Als Peter Kaufmann einen Hirntumor erlitt, bin ich eingesprungen. Das Experiment für die Finalrunde war zwar schon ausgeheckt, er konnte es aber nicht mehr leiten.

 

Sie haben Ihr Engagement also aus einer Notlage heraus begonnen. Was motivierte Sie dieses 26 Jahre lang fortzuführen?

Ich bin aus verschiedenen Gründen motiviert. Ich arbeite sehr gerne mit jüngeren Menschen, was auch der Grund für meinen Lehrerberuf ist. An den Olympiaden gefällt mir besonders die Faszination der Schülerinnen und Schüler. Man spürt, dass die Physikbegeisterung da ist und die Jugendlichen gefördert werden wollen. Es ist natürlich eine Bereicherung, die Besten der Schweiz zu prüfen und zu trainieren.

 

An den Olympiaden gefällt mir besonders die Faszination der Schülerinnen und Schüler.

 

Mir gefällt aber auch die Arbeit innerhalb des Vereins. Mir macht es Freude, selber Aufgaben zu entwerfen, die Veranstaltungen zu planen und das Ganze zu koordinieren. Dies ist eine willkommene Abwechslung und trägt auch positiv zu meinem Physikunterricht  bei.

 

Richard Heimgartner unterrichtet seit 1993 Physik an der Neuen Kantonsschule Aarau. Nebenbei engagiert er sich für die Physik-Olympiade.

 

Gab es schon mal Umstände, unter denen Sie Ihr Engagement gerne aufgegeben hätten oder sogar aufgeben mussten?

Es ist nicht immer leicht, den Lehrerjob mit der Freiwilligenarbeit zu vereinen. Man arbeitet nicht einfach von 08:00 bis 17:00. Es gibt unter dem Semester Arbeitsspitzen, während derer man über 100% arbeitet. Kommt dann noch eine Arbeitsspitze in der Freiwilligenarbeit hinzu, ist dies natürlich eine starke Belastung. Ich habe schon erlebt, dass ich während der Vorbereitungen auf die Finalrunde der Physik-Olympiade viele Projektarbeiten und Prüfungen der Schule korrigieren musste. Dies schlägt sich natürlich negativ auf mein Engagement bei den Olympiaden aus. Da habe ich auch schon überlegt, weshalb ich die Freiwilligenarbeit überhaupt mache. Man kann sich natürlich bemühen und alles gut einplanen, komplett vermeiden lassen sich diese Phasen aber nicht.

 

Im Video führt Richard ein Pendel-Experiment vor.

Erhalten Ihrer Meinung nach Lehrpersonen, die sich gerne für die Olympiaden oder allgemeiner für die Begabtenförderung einsetzen möchten, zu wenig Unterstützung vom Bildungssystem?

Tatsächlich würde ich mir wünschen, dass es mehr Lehrerinnen und Lehrer gibt, die sich bei uns in der Physik-Olympiade einbringen. Denn ich denke, wir könnten stark profitieren von ihrer Erfahrung - vor allem in Bezug auf die Physik-Experimente. Die Schwierigkeit ist, dass viele bereits ein hohes Arbeitspensum haben, das durch die Sparmassnahmen im Bildungsbereich noch erhöht wurde. Viele scheuen sich, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen.

Engagiert, die Zahl : 20'000 Die Freiwilligen der neun Wissenschafts-Olympiaden investieren jährlich insgesamt 20'000 Arbeitsstunden in ihr Engagement. In Schweizer Franken entspricht dies etwa einer halben Million.

 

Allerdings ist dies nicht der Verwaltung geschuldet, die Bildungskürzungen geschehen ja im kantonalen Parlament, im Grossen Rat. Das Bildungsdepartement versucht mit den verfügbaren Ressourcen eine Begabtenförderung aufzugleisen. Im Kanton Aargau beispielsweise kriegen Lehrpersonen auch eine Entschädigung für ihr Engagement im Begabtenförderungsprogramm. Unsere Schule hat sogar einen Botschafter für Begabtenförderung, und dies ist auch so im Konzept der Begabungs- und Begabtenförderung des Bildungsdepartements verankert.

 

Wie wichtig ist ein unterstützendes Umfeld für freiwilliges Engagement?

Die Tradition, dass der Final der Physik-Olympiade seit 20 Jahren an der Neuen Kantonsschule Aarau stattfindet, hat einen nicht zu unterschätzenden Effekt auf die Schule. Generell ist die Schulleitung dadurch sehr offen und positiv eingestellt. Dadurch können wir hier an der Neuen Kantonsschule Aarau beispielsweise Trainings- und Vorbereitungskurse für die Physik-Olympiade anbieten.

 

Ich denke auch, dass es wichtig ist, ein Team zu haben, mit dem man zusammenarbeiten kann, zum Beispiel bei der Organisation. Ich bin im engen Austausch mit meinem Kollegen an der Kantonsschule und wir sprechen uns ab und koordinieren gemeinsam die Vorbereitungskurse.  Im Lehrerberuf ist man oft auf einem einsamen Posten. Deshalb ist auch die Fachschaft so wichtig, damit man sich unter Arbeitskollegen austauschen und unterstützen kann.

Über den Autor: Henning Zhang studiert Physik im Master an der ETH Zürich und engagiert sich freiwillig im Redaktionsteam der Wissenschafts-Olympiade.

 

Waren Sie schon mal stolz auf Schülerinnen oder Schüler, oder hatten das Gefühl, dass sich ihr Engagement ausgezahlt hat?

Erst kürzlich habe ich eine ehemalige Schülerin von mir getroffen, die jetzt im Gebiet der Aerosole doktoriert. Ich bin Atmosphärenphysiker und hatte mich damals für die Diplomarbeit auf dasselbe Thema spezialisiert. Da fragt man sich: Habe ich sie vielleicht motivieren können? Ich habe schon mehrere Male erlebt, dass meine Begeisterung für die Physik auf die Schülerinnen und Schüler übergeschwappt ist und sie dieses Fach später auch beruflich in Angriff nehmen. Vor kurzem waren Grossratswahlen und auch da tauchen plötzlich ehemalige Schülerinnen und Schüler wieder auf, die sich nun politisch engagieren. Ich denke: Egal wo, Hauptsache man engagiert sich und trägt aktiv zur Gesellschaft bei.

 

Egal wo, Hauptsache man engagiert sich und trägt aktiv zur Gesellschaft bei.

 

Serie "Engagiert" 380 Volunteers arbeiten mit viel Herzblut für die neun Wissenschafts-Olympiaden - ganz unentgeltlich. Was bedeutet freiwilliges Engagement konkret? Darüber sprechen wir mit engagierten Teilnehmenden, Lehrpersonen, Wissenschaftler*innen und anderen Menschen aus dem Umfeld der Wissenschafts-Olympiaden.

 

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