08.09.2021

Chancengerechtigkeit

Hilft uns die Digitalisierung, Hürden für Teilnehmerinnen und Teilnehmer abzubauen?

Inzwischen starten acht von zehn Wissenschafts-Olympiaden mit einer Online-Prüfung. Die Digitalisierung hilft uns grundsätzlich, Jugendliche zu erreichen, die wir vorher nicht erreicht haben. Sie kann aber auch zu zusätzlichen Hürden führen.

Die Herausforderungen der Digitalisierung des Wettbewerbs

Die zehn Wissenschafts-Olympiaden sind sehr vielfältig, einen Standardablauf der Wettbewerbe gibt es nicht. Prinzipiell werden die Teilnehmenden  in vier aufbauenden Phasen gefördert:

 

 

  • Bei Phase 1 (Vorbereitung&Prüfung) sind es hauptsächlich Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Jugendlichen für den Wettbewerb anmelden.
  • Danach folgen Workshops, Lager und Coaching durch die Olympiaden-Freiwilligen (Phase 2),
  • bis sich die Jugendlichen messen am nationalen Final (Phase 3)
  • oder gar an der internationalen Olympiade (Phase 4)

 

Bei Phase 1, der sogenannten 1. Runde, verfolgen die Wissenschafts-Olympiaden unterschiedliche Strategien. Die Informatik-Olympiade bringt interessierten Jugendliche bereits vor der 1. Runde das Programmieren bei und bereitet sie so auf den Wettbewerb vor.  Sie zählt rund 100 Teilnehmende.  Bei der Biologie-Olympiade hingegen machen durchschnittlich 1'400 junge Leute mit. Ziel ist es, mit einer breiten und spannenden Prüfung möglichst vielen Schülerinnen und Schüler zu zeigen, dass ihnen das Fach eigentlich gefällt. Auch beim Schwierigkeitsgrad der Prüfungen bestehen verschiedene Ansätze. Dies kann die Teilnehmerzahl stark beeinflussen. 

 

Hinzu kommt, dass die Prüfungsinhalte die Digitalisierung limitieren. Hierzu zwei Beispiele: Für das Korrigieren und Bewerten von Essays braucht es immer noch Menschen: Je mehr Teilnehmende und Essays, desto mehr Freiwillige braucht die Philosophie-Olympiade. Oder: Bei einer Online-Robotik-Olympiade wird eine gerechte Beurteilung des Baus und der Programmierung des Roboters schwierig.

 

Die Umsetzung der Digitalisierung (oder auch: Sebi’s Tool)

Sebastian Stengele ist Freiwilliger der Physik-Olympiade und dort zuständig für die erste Runde. Er hat für seinen Verein ein Online-Tool zur Digitalisierung der 1. Runde entwickelt und umgesetzt. Durch diese Anpassung haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Physik praktisch verzehnfacht, von durchschnittlich 70 auf 720. Sebastian hat sein Tool den Olympiaden in Chemie, Geographie, Mathematik und Wirtschaft zur Verfügung gestellt und sie bei der Einführung beraten.  

 

Die Schülerinnen und Schüler können sich online registrieren und während einem bestimmten Zeitraum die Prüfung lösen. Das Tool misst die Zeit, errechnet die Punktzahl, erstellt Ranglisten und Statistiken und sichert die Kommunikation mit den Teilnehmenden und Lehrpersonen. 

 

  

 

Die Demo-Version der 1. Runden-Prüfung der Wirtschafts-Olympiade zeigt Interessierten, wie der Test funktioniert: demo.economics.olympiad.ch

 

Wir senken die Teilnahmehürden dank der Digitalisierung

Mit der Digitalisierung der ersten Runde überwiegen die positiven Auswirkungen für die Wissenschafts-Olympiaden. Die Hürden werden grundsätzlich abgebaut:

  • Individuelle Anmeldung: Rund 80% der Teilnehmenden werden durch engagierte Lehrerinnen und Lehrer für die Wissenschafts-Olympiade motiviert. Mit der Digitalisierung der ersten Runde können sich auch Schülerinnen und Schüle anmelden, die nicht von der Lehrperson gefördert werden. 
  • Erweiterte Zugänglichkeit: Durch die Digitalisierung der ersten Runde kann die Korrektur der Prüfungen einfach automatisiert werden und ist unabhängig von den Ressourcen der Freiwilligen. Dadurch wird die Teilnehmerzahl nicht beschränkt und die Zugänglichkeit wird für die Jugendlichen somit erhöht. Zudem kann die erste Runde ortsunabhängig durchgeführt werden. 
  • Anonymität: Jugendliche trauen sich eine Herausforderung oft nicht zu. Durch eine gewisse Anonymität der digitalisierten ersten Runde kann die Hürde zum Mitmachen an einem Wettbewerb gesenkt werden. Jede und jeder kann den Test einfach durchführen. Bei fast allen Olympiaden werden nur die guten Resultate, und dies auch nur, falls gewünscht, publiziert. Zudem wird durch die Digitalisierung die Bewertung neutralisiert. Herkunft, Namen, Gender und Schrift haben keinen Einfluss auf das Resultat.  
  • Weniger Aufwand für Lehrpersonen: Durch die Digitalisierung der ersten Runde wird der Aufwand für die Lehrerinnen und Lehrer minimiert. Die Anmeldung und Kommunikation mit den Olympiaden-Organisatoren werden einfacher.  Dies bedingt natürlich, dass die Schulen auf eine gute IT-Infrastruktur zählen können. Durch den minimierten Aufwand erhoffen wir uns, zusätzliche Lehrpersonen für unser Förderangebot zu motivieren. 

 

Bauen wir neue Hürden auf mit der Digitalisierung?

Voraussetzung für die digitale Teilnahme an der ersten Runde der Wissenschafts-Olympiade ist der Zugang zu einem Mobiltelefon, Tablet oder Computer. Dies ist eine Hürde, die durch die Digitalisierung erhöht wurde,  in der Schweiz jedoch viel tiefer ist als anderswo. 

 

Relevante Hürden sehen wir eher in der Fairness und der Sozialen Herkunft. Inwiefern ist Fairness bei Online-Prüfungen möglich, wenn es weniger Aufsicht und somit mehr Schummelmöglichkeiten gibt? Und: Je mehr Zuhause gelöst, gelernt und gearbeitet wird, desto mehr beeinflusst das Zuhause den Lernerfolg: Damit ist die Lernumgebung und die Lernunterstützung gemeint, aber auch das Material und die Atmosphäre. Es braucht bei einer Online-Prüfung ja nicht nur einen PC sondern auch einen ruhigen Arbeitsplatz. Diese beiden Punkte werden wir bei der Weiterentwicklung der Digitalisierung im Hinterkopf behalten. 

 

Zum Autor: Cyrille  Boinay ist Co-Geschäftsführer der Wissenschafts-Olympiade

 

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