17.03.2022

Freiwilligenarbeit | Chancengerechtigkeit

“Ich wurde ermutigt, meine Zweifel anzusprechen”

Viviane Kehl hat den Weiterbildungskurs “Grenzen” für Olympiaden-Freiwillige besucht. Im Interview erzählt sie, inwiefern sie der Kurs ermutigt hat und wo sie noch Verbesserungspotential sieht bei der Prävention von Grenzverletzungen.

Olympiaden-Freiwillige tragen viele Hüte: Sie sind Lehrperson, Jury und Sorgentelefon in einem. (Bild: European Girls Olympiad in Informatics)

Viviane Kehl (Bild: Severin Nowacki)

Viviane, warum hast du dich für den Kurs interessiert?

Ich finde es schwierig, im Olympiaden-Umfeld zu wissen, wo die Grenzen liegen zwischen den Teilnehmenden und den Freiwilligen. Häufig kennt man sich noch vom Vorjahr: als beide Teilnehmende waren und sich in der gleichen Rolle befanden. Worauf ist beim Rollenwechsel zu achten? Und wie ändert sich das Verhältnis eines Leitenden zu den Teilnehmenden über die Jahre, wenn der Altersunterschied immer grösser wird? 

 

 

Kannst du uns ein paar Situationsbeispiele beschreiben, bei denen es um Nähe und Distanz geht, die ihr besprochen habt?

Wir haben fiktive Beispiele der Pfadi und der Olympiaden besprochen. Bei der Pfadi kann es zum Beispiel beim Sport zu unerwünschten Berührungen zwischen Leitenden und Teilnehmenden kommen. Bezogen auf die Olympiaden haben wir eine Situation besprochen, bei der eine Leitende einem Teilnehmenden eine Aufgabe erklärt. Wie viel Nähe ist hier ok?

 

Ihr habt Situationen gesammelt, die ein Risiko sein können, sprich bei denen es eher zu Grenzverletzungen kommen kann. Wozu dient die Risikosammlung genau?

Die Sammlung kann helfen, in einem zweiten Schritt über diese konkreten Situationen zu diskutieren und ihr Risiko einzuschätzen. Wie hoch ist das Risiko, dass hier eine Grenzverletzung stattfinden könnte? Welche Hürden kann man einbauen, damit diese Grenzverletzung nicht stattfindet? 

 

Während des Workshops wurde in der Gruppe ein Dokument über verschiedene Risikosituationen erstellt. Diese wurden in mehrere Kategorien unterteilt. Dazu gehören zum Beispiel Grenzen, die die Privatsphäre betreffen. Das Fehlen von Regeln für die Verteilung der Jugendlichen auf die Zimmer in einem Lager kann zu Unsicherheiten führen. Das Dokument geht auch auf körperliche Grenzen ein. Was ist zu tun, wenn eine Teilnehmerin einen Unfall hat und eine Person aus der Lagerleitung die Verletzung untersuchen muss? Wenn man sicherstellt, dass bei Veranstaltungen sowohl Frauen als auch Männer anwesend sind, können Grenzverletzungen vermieden werden. Ein anderes Beispiel sind Situationen, in denen Freiwillige und Teilnehmende in Zweiergruppen zusammenkommen. Prävention bedeutet, dass man sich solcher Situationen bewusst ist.

 

Was hat dir im Kurs gefehlt? Wo würdest du gerne noch mehr dazulernen oder mehr Unterstützung von deinem Verein oder dem Verband erhalten?

Ich hätte es geschätzt, wenn man genauer auf die Fragen der Kursteilnehmenden hätte eingehen können, die halt sehr olympiadenspezifisch waren. Ich denke auch, dass wir eine tolle Gruppe gewesen wären, um den zweiten Schritt, also die Risikobeurteilung, gemeinsam zu machen. Leider gab es dafür keine Zeit. Ich finde, dass es wertvoll wäre, dies vereinsintern zu machen.

Ich hätte es auch hilfreich gefunden, wenn wir uns konkrete Beispiele von anderen Vereinen angeschaut hätten. Wie genau sieht deren “Risikomanagement” aus? Und was tun sie konkret bei einem Verdacht auf Grenzverletzungen?

 

Viviane Kehl ist Freiwillige der Mathematik-Olympiade. Sie hat Mathematik studiert und arbeitet als Systemingenieurin bei der SBB. 

 

Hat dir der Kurs für deine weitere Tätigkeit als Freiwillige etwas genützt?

Ja, ich habe mir zu ein paar Risikosituationen in meinem Verein Gedanken gemacht und wurde ermutigt, Dinge anzusprechen oder nachzufragen, wenn ich bei irgendeinem Verhalten eines anderen Freiwilligen Teilnehmenden Zweifel habe.

 

Die Weiterbildung “Grenzen” will auf das Thema Grenzen und Grenzverletzungen bei den Wissenschafts-Olympiaden sensibilisieren. Parallel dazu werden Vertrauenspersonen geschult, bei denen sich Betroffene der Olympiaden melden können. Zudem arbeiten der Verband und die Vereine an einem Verhaltenskodex für Freiwillige. Dieser wird der Vereinsversammlung im Juli zur Abstimmung vorgelegt. Ebenfalls in Bearbeitung ist eine Checkliste fürs Krisenmanagement und die Krisenkommunikation. 

 

Kontakt

Bei Fragen zum Kurs oder zum Thema Prävention kannst du dich jederzeit bei Xénia Villiers von der Geschäftsstelle der Wissenschafts-Olympiade melden: x.villiers@olympiad.ch

 

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