15.04.2025

Chancengerechtigkeit | Freiwilligenarbeit | Weiterbildung

Olympiade ohne Barrieren

Wie können wir die Olympiade auch für Teilnehmende mit einer Beeinträchtigung oder Behinderung zugänglich gestalten? Dr. Olga Meier vom Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik SZH beantwortet grundlegende Fragen. Mehr zum Thema erfährst du beim Workshop am 24. Mai.

Frau Meier, was macht eine Heilpädagogin?

Die Heil-/ Sonderpädagogik ist aktiv dort, wo Verletzlichkeit (Vulnerabilität) aufgrund einer funktionalen Beeinträchtigung zu erwarten ist. Die Beeinträchtigung kann im Bereich Sehen, Hören, Motorik, Emotion auftreten oder sie kann von einer neurologischen Entwicklungsstörung verursacht sein, wie zum Beispiel bei Autismus, ADHS, Dyslexie oder Dyskalkulie. Das Ziel der Heilpädagogik ist, die Partizipationschancen der betroffenen Menschen in allen Lebensbereichen, insbesondere in der Bildung, zu verbessern. Denn die Bildung ist nicht nur ein Grundrecht aller Menschen, sie ist auch das Mittel für die Teilhabe in den anderen Lebensbereichen.   

In der Praxis unterstützen die Fachpersonen der Heil-/Sonderpädagogik ressourcenorientiert Kinder- und Jugendliche ab der Geburt und bis Ende der obligatorischen Schule. Sie arbeiten mit dem Umfeld (Elternhaus, Schule usw.) zusammen, um die optimalen Entwicklungs- und Lernbedingungen zu ermöglichen. Heil-/Sonderpädagogik kann auch als wissenschaftliches Fach belegt werden. Die Arbeitsfelder sind in der Forschung, Beratung, Lehre oder Leitung von Organisationen zu finden. 

Dr. Olga Meier hat Sonderpädagogik an der Universität Zürich studiert und mit und für Menschen mit Unterstützungsbedarf gearbeitet. Sie betrachtet ihre Arbeit als Vermittlung zwischen den Bedürfnissen und Anforderungen der betroffenen Menschen und der Umwelt.

Was ist der Unterschied zwischen dem individuellen Nachteilsausgleich (reasonable accommodation) und Barrierefreiheit (accessibility)?

Wir entwickeln uns (Lernen ist auch Entwicklung) in Auseinandersetzung mit der Umwelt. Die Umweltbedingungen und wie wir mit ihnen umgehen (können) sind daher sehr wichtig, vor allem für diejenigen von uns, die mit einer funktionalen Beeinträchtigung leben. 

“Wenn die Beleuchtung nicht optimal ist, kann ich, trotz Brille, nicht lange lesen, es ist ermüdend. Eine rollstuhlfahrende Person kann in einer rollstuhltauglichen Küche gleich so schnell kochen wie ein Fussgänger oder eine Fussgängerin.” 

Eine Behinderung entsteht durch die komplexe Interaktion zwischen einem Menschen mit einer funktionalen Beeinträchtigung und den Umweltbedingungen in einer bestimmten Situation. Diese ist die aktuelle Sichtweise über Behinderung [1].

Barrierefreie, allen zugängliche Umweltbedingungen in der Bildung betreffen den baulich-technischen, den digitalen, den didaktischen und den administrativen Bereich. Mit den heutigen Möglichkeiten können Prüfungsunterlagen zum Beispiel in einem barrierefreien Digitalformat gestaltet werden, damit sie nicht extra für eine Kandidatin mit einer Seh- oder Lesebeeinträchtigung (Dyslexie) angepasst werden müssen. Diese Kandidatin wird jedoch eventuell eine Verlängerung der Prüfungsdauer brauchen, was als individueller Nachteilsausgleich gilt. 

Auf der Webseite “Barrierefreie Wissenschafts-Olympiaden” findest du weitere Grundlagen sowie mögliche Massnahmen je nach Beeinträchtigung oder Behinderung.

Die Freiwilligen sind meist weder Lehrpersonen noch Didaktiker*innen. Sie teilen ihre Leidenschaft: Wissenschaft. Haben Sie ein paar Tipps, damit sie Teilnehmende mit einer Beeinträchtigung besser unterstützen können?

Grundsätzlich: sich Zeit nehmen, keine raschen Schlüsse ziehen, Geduld haben, behutsam nachfragen. Alle Teilnehmenden so akzeptieren, wie sie sind. 

Konkret:

  • Am Anfang (bei Verdacht wiederholen) Offenheit für ein Gespräch zu zweit (evtl. Mailaustausch) signalisieren, falls jemand mit Problemen konfrontiert ist.
  • Akzeptieren, wenn jemand nicht über seine Probleme spricht; intervenieren, wenn Missverständnisse auftauchen oder Probleme aufgrund der Beeinträchtigung entstehen können.
  • Nicht alle Menschen mit einer bestimmten Beeinträchtigung/Diagnose haben denselben Unterstützungsbedarf, dieselben Hilfsmittel oder dieselbe Arbeitstechnik.
  • Unterstützung: So viel, wie nötig und so wenig, wie möglich.

Ausserdem:

Klare allgemeine Richtlinien (was tun, falls …) und Vereinbarungen (in einzelnen Situationen) sind hilfreich. Zum Beispiel: Welche Informationen sind vertraulich und welche nicht? Wie geht es weiter, falls diese Massnahme nicht zum erwarteten Ergebnis führt?
Eine Ansprechperson für Fragen oder für die Beratung und Unterstützung der Freiwilligen sollte bekannt sein.  

[1] Vgl. Definition in der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit ICF der WHO, 2001 sowie im Behindertengleichstellungsgesetz BehiG 2002 und in der UN-Behindertenrechtskonvention BRK 2006.

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