Am 21. Oktober trafen sich Vertrauenspersonen von fünf Wissenschafts-Olympiade in Bern und online, um sich auszutauschen, ihre Rolle und deren Auslegung zu diskutieren und die Dokumente zur Prävention von Grenzüberschreitungen zu aktualisieren.
Die Vertrauenspersonen versammeln sich in Bern. Bild: Charlotte Vidal
Das Treffen beginnt mit einer Vorstellungsrunde, da viele Personen diese Rolle erst seit diesem Jahr ausüben. Wir gehen zur Definition der Rolle über: Verstehen alle die Rolle auf die gleiche Weise? Was fehlt in dieser Definition, was ist zu viel?
Die Rolle wird von den Anwesenden als eine Rolle des Zuhörenden verstanden, in der man für das Wohlbefinden der Teilnehmenden sorgt, wobei klar ist, dass Risikosituationen nicht immer vermieden werden können, da sie zum Alltag gehören. Vielmehr geht es darum, in unklaren Situationen Grenzverletzungen zu verhindern. Es geht nicht darum, Konflikte zu vermeiden. Dies ist eine Gratwanderung, denn es geht darum, Vertrauen zu gewinnen, ohne unrealistische Versprechungen zu machen. Vertrauenspersonen haben nicht die Aufgabe, Fachpersonen für Kinderschutz oder Polizist*innen zu werden.
Charlotte, Vertrauensperson des Verbands, erklärt, dass Freiwillige im Freizeitbereich aus rechtlicher Sicht keine Meldepflicht haben, die Kindesschutzbehörden zu benachrichtigen, wenn sie den Verdacht haben, dass die Unversehrtheit eines Minderjährigen gefährdet ist (Art. 314d ZGB). Sie haben aber ein Melderecht.
Die Olympiaden können auch die Hemmschwelle für Meldungen senken, sodass jemand, der zögert, über seine Probleme zu sprechen, dies leichter tun kann. Vertrauenspersonen können dabei eine Hilfe sein. Jasmin, aus der Chemie, erwähnt, dass es sehr hilfreich ist, auf die Persönlichkeit des Jugendlichen einzugehen und die Kommunikation anzupassen, beispielsweise den Tonfall oder die Wortwahl. Arina, aus der Biologie, sagt, dass die Art und Weise, wie mit Aussagen umgegangen wird, vom Eskalationspotential abhängt.
Wie kommuniziert ihr, wenn ihr als Vertrauenspersonen an Veranstaltungen teilnehmt?
Einige Olympiaden kündigen die Anwesenheit von Vertrauenspersonen in der Einladung zu Camps oder Trainingswochenenden an, andere geben sie vor Ort bekannt. Viele erwähnen die Vertrauenspersonen auf ihrer Website. Im Allgemeinen sorgen die Olympiaden bei Veranstaltungen mit Übernachtungen dafür, dass Vertrauenspersonen vor Ort sind, auch wenn es nicht jeden Tag dieselben sind.
Louis, aus der Physik, stellt sich vor, wenn er als Vertrauensperson an Veranstaltungen teilnimmt. Alle betonen, dass sie, wenn sie als Vertrauenspersonen an einer Veranstaltung teilnehmen, dafür sorgen, dass sie verfügbar sind und sich in vielbesuchten, offenen Räumen aufhalten, damit sie leicht angesprochen werden können.
Sollten wir die Grundlagen ändern und die Bezeichnung dieser Rolle vereinheitlichen?
Charlotte fragt, ob die grundlegenden Dokumente wie der Olympiadenkodex, das Handout "Grenzüberschreitungen", das Konzept oder die Checkliste für Vertrauenspersonen oder das Merkblatt “Krisen: Wie reagieren?“ ihnen bei ihrer Arbeit helfen, ob sie unvollständig oder veraltet empfindet sind (siehe Prävention | Risiken | Krisen). Beispielsweise werden soziale Netzwerke nicht erwähnt, obwohl Vereine diese zur Kommunikation mit den Teilnehmern nutzen.
Jasmin, aus der Chemie, weiss, dass sie bei Bedarf darauf zugreifen kann, aber sie liest nicht alle Dokumente, die vom Verband und dem Verein herausgegeben werden, wenn sie sie nicht braucht. Die E-Mail-Korrespondenz reicht ihr völlig aus. Einige haben die Dokumente gelesen, als sie die Rolle übernommen haben, wissen, wo sie die Informationen finden, und das reicht ihnen. In Bezug auf soziale Netzwerke ziehen es die Olympiaden vor, flexibel zu bleiben und sich intern zu orientieren. Wie Timo aus der Informatik empfiehlt, müssen die Kulturen und Dynamiken jedes Vereins berücksichtigt werden.
Es besteht kein Wunsch, die Bezeichnungen “Vertrauensperson” oder “Awareness Team” zu vereinheitlichen. Einige Vereine verwenden eher die erste Bezeichnung, andere beide, um das Team bzw. die einzelnen Personen zu bezeichnen.
Vor Abschluss der Sitzung kam die Gruppe überein, den Austausch in zwei Jahren zu wiederholen und eine interne Diskussionsgruppe für Fragen einzurichten.
Einige “Best Practices” aus den Vereinen
Die Informatik-Olympiade hat einen internen Kodex entwickelt, sowie ein anonymes Kontaktformular. Die Ausarbeitung des Kodex war eine super Gelegenheit, um mehrdeutige Situationen zu diskutieren, und bot den Freiwilligen anschliessend Orientierungspunkte.
Die Physik-Olympiade verfügt über ein eigenes Awareness-Konzept, das die Arbeit des Teams regelt, z.B. ihre Position gegenüber dem Vorstand und den Ausschüssen sowie Kommunikation. Die Mitglieder des Vorstandes müssen während ihrer Amtszeit mindestens einmal am Grenzen-Workshop (Prävention von sexuellem Missbrauch) teilnehmen. Wenn eine Person dem Vorstand beitritt, hat sie zwei Jahre Zeit, um diese Bedingung zu erfüllen, sei es durch die Teilnahme an einer Schulung des Verbands, des Vereins oder einer anderen Organisation. Die Astronomie-Olympiade hat sich davon inspirieren lassen und hat den gleichen Ansatz übernommen.
Möchtest du mehr über diese Praktiken erfahren? Wende dich direkt an die Vertrauenspersonen oder das Awareness-Team der Olympiade. Wir danke ihnen für das Teilen ihrer Dokumente. Die nächste Weiterbildung “Grenzen” findet am Abend des 24. Februar 2026 in Zürich auf Deutsch statt. Anmeldeschluss ist der 25. Januar. Wenn du an einem Kurs teilnehmen möchtest, der für dein ehrenamtliches Engagement relevant ist, übernimmt der Dachverband bis zu 200.- der Kosten. In beiden Fällen informiere bitte Charlotte.