06.07.2026

Wissen

"Wenn man mit Leidenschaft bei der Sache ist, versucht man, bei allen Lernenden das Interesse zu wecken."

Im Laufe unseres Lebens beeinflussen bestimmte Menschen, denen wir begegnen, unseren Lebensweg ganz besonders. Für mich, Roshan, war Nathalie Wehrli, Biologielehrerin am Gymnase d'Etoy, eine dieser Personen. Ihre Art, Biologie zu unterrichten, hat mich geprägt und mir eine Leidenschaft für dieses Fach vermittelt, die mich bis heute begleitet. Deshalb habe ich sie im Rahmen der Reihe „Look up!“ besucht. Wenn es eine Person gibt, zu der ich aufschaue, dann sie.
Nathalie Wehrli und Roshan Hafezalsehe am Gymnase d'Etoy. (Alle Bilder: Claudia Christen)
Nathalie Wehrli und Roshan Hafezalsehe am Gymnase d'Etoy. (Alle Bilder: Claudia Christen)

Roshan Hafezalsehe ist Volunteer bei der Astronomie- und der Biologie-Olympiade und studiert an der Universität Freiburg.

Jahresthema “Look up!”: Zu wem schauen wir auf? Was sehen wir, wenn wir nach oben schauen – vielleicht mithilfe eines Teleskops bei der neuen Astronomie-Olympiade? So wie ein Schiff anhand der Sterne seinen Weg findet, geben uns auch Vorbilder Orientierung. 2026 treffen wir inspirierende Menschen und mit jene, die von ihnen inspiriert wurden. Wir stellen Förderangebote vor, an denen man sich ein Beispiel nehmen kann. Und wir richten den Blick zum Himmel. Abonniere jetzt den Newsletter oder folge uns auf Instagram, um nichts zu verpassen!  

Die Gründlichkeit, mit der Sie uns die Biologie vermittelt haben, hat mich nicht nur begeistert, sondern mir auch eine Arbeitsweise vermittelt, die mir heute in meinem Studium noch immer enorm hilft: sich nicht mit dem Nötigsten zufrieden zu geben, sondern wirklich danach zu streben, die Dinge in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Denken Sie oft darüber nach, welchen Einfluss Sie auf den Werdegang ihrer Schüler*innen haben?

Eigentlich denke ich nicht darüber nach. Ich sehe es, wenn ich Lernenden wieder begegne und diese mir erzählen, was sie mitgenommen haben, oder, dass sie Biologie studiert haben. Aber das ist nichts, worüber ich nachdenke, wenn ich unterrichte. Natürlich möchte ich, dass die Lernenden sich für dieses Fach begeistern, so wie ich mich dafür begeistert habe. Ich glaube, der beste Weg ist, einfach meine Begeisterung und mein Interesse für dieses Thema zu zeigen.

Ich glaube nicht, dass es Lehrpersonen gibt, die während des Unterrichts darüber nachdenken, welchen langfristigen Einfluss sie jetzt damit haben. Ich denke, wenn man mit Leidenschaft bei der Sache ist, versucht man, sein Bestes zu geben, um bei allen Lernenden das Interesse für das unterrichtete Fach zu wecken und, wenn möglich, eine Leidenschaft dafür zu entfachen.

Welche Herausforderungen begegnen ihnen beim Versuch, Ihre Schüler*innen zu motivieren? Wie gehen Sie damit um?

Es ist wichtig, den Unterricht abwechslungsreich zu gestalten, aber auch mit aktuellen Ereignissen zu verknüpfen. Man sollte ein Thema finden, das den Schüler*innen aus dem Alltag vertraut ist und eine Diskussion anregen.

Zum Beispiel kamen während der Corona-Pandemie die Reinigungskräfte mehrmals täglich vorbei, um alle Türklinken in den Unterrichtsräumen zu desinfizieren. Wir beschäftigten uns gerade mit der Evolution, und ich fragte die Lernenden: „Was glaubt ihr, könnte diese ständige Desinfektion im Laufe der Zeit bewirken?“ Das löste eine Diskussion über die natürliche Selektion aus – darüber, dass durch das häufige Desinfizieren resistente Organismen begünstigt werden, während alle nicht resistenten eliminiert werden, und dass in diesem Zusammenhang möglicherweise resistente Mikroorganismen zunehmen. So konnte ich den Lernenden auch zeigen, dass die Biologie konkret erklären kann, was um uns herum geschieht. 

Mit der Zeit entwickelt man als Lehrperson auch ein Gespür dafür, welche Themen die Lernenden besonders interessieren.

Nathalie Wehrli begann ihre Karriere als Biologin im Labor, wo sie sich vier Jahre lang auf Immunologie und Virologie spezialisierte. Nach ihrem Abschluss entschied sie sich, Lehrerin zu werden, anstatt als Postdoc in der Forschung zu bleiben. Nach einem Jahr an der Pädagogischen Hochschule und etwa zehn Jahren Unterricht auf Sekundarstufe I begann sie, am Gymnasium zu unterrichte. Das tut sie auch heute noch, 16 Jahre später.

Gab es in Ihrem eigenen Werdegang jemanden, der Ihnen als Vorbild diente; jemanden, zu dem sie aufschauen?

Mein Philosophielehrer hat mich sehr geprägt, weil wir im Unterricht sehr viel debattiert haben und er grossen Wert auf die Bedeutung von Begriffen legte – und darauf, dass ein und dasselbe Wort nicht für jeden Philosophen genau dasselbe bedeutete. In seinem Unterricht wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, Worte sorgfältig zu wählen. In jedem Fachgebiet gibt es spezifische Begriffe, ein Vokabular, mit dem man eine Aussage präzisieren und sich gegenseitig verstehen kann.

Mein Werdegang wurde nicht nur von Ihrem Unterricht massgeblich beeinflusst, sondern auch durch die Biologie-Olympiade, die Sie unserer Klasse im zweiten Schuljahr vorgestellt haben. Auch wenn ich es nicht über die zweite Runde hinaus geschafft habe, engagiere ich mich bis heute freiwillig und es hat mir geholfen, mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten zu gewinnen. Das ist meine persönliche Erfahrung. Aus einer allgemeineren Perspektive betrachtet: Glauben Sie, dass Wettbewerbe wie die Wissenschafts-Olympiade im Allgemeinen einen positiven Einfluss auf die teilnehmenden Schüler*innen haben?

Ich habe festgestellt, dass die teilnehmenden Schüler*innen sich viel wissenschaftliches Wissen und Kompetenzen aneignen. Sie erzählen mir, dass unter den Freiwilligen, die sie im Lager der Biologie-Olympiade begleiten, viele gut ausgebildete Biolog*innen sind. So können sie die Themen ganz vertieft und praxisnah behandeln. Ich hatte auch den Eindruck, dass dies den Schüler*innen geholfen hat, ihr Interesse an einem naturwissenschaftlichen Studium oder sogar einer Forschungskarriere zu festigen. 

Ich habe daran geschätzt, dass man andere junge Menschen sind, die dieselben Interessen teilen oder sich aus reiner Leidenschaft freiwillig engagieren. Ich denke, es hilft auch, dass viele der Volunteers in der Regel selbst schon einmal teilgenommen haben oder zumindest nicht viel älter sind als die Teilnehmenden. Das ermöglicht es den Teilnehmenden, sich ihre unmittelbare Zukunft besser vorzustellen, anstatt sich zu fragen, was sie irgendwann einmal mit ihrem Leben anfangen wollen. Die Perspektiven werden greifbarer.

Es ist nun schon dreissig Jahre her, dass ich mein Studium abgeschlossen und die biologische Forschung verlassen habe. Das Biologiestudium hat sich verändert, die Forschungsfelder haben sich verändert. Ich habe meine Erinnerungen an die Forschung und das Labor, aber es ist nicht dasselbe, wenn einem jemand aktuelle Einblicke ins Studium geben kann. 

Es ist gut, wenn die Lernenden Menschen treffen können, die jetzt in der Forschung tätig sind und sie motivieren können, diesen Weg einzuschlagen.

Ich habe einiges über meine Wahrnehmung von Ihnen gesagt, aber wie haben Sie mich damals als Schülerin wahrgenommen, falls Sie dich daran erinnern? 

Am Anfang waren Sie, soweit ich mich erinnere, eine relativ schüchterne Person. Sie haben sehr aufmerksam zugehört … und gleichzeitig haben Sie auf den Rändern aller Biologie-Handouts herumgezeichnet. Ich habe Sie sogar gebeten, mir einige dieser Handouts voller Skizzen als Andenken zu hinterlassen. Für Sie war das eine Konzentrationshilfe, Sie hatten keinerlei Schwierigkeiten, Prüfungen und Praktika zu absolvieren.

So habe ich dank Ihnen gelernt, dass ich Schüler*innen, die im Unterricht zeichnen oder etwas anderes nebenbei machen, nicht pauschal verurteilen sollte. 

 

Wir haben bereits viel über den Einfluss der Lehrkräfte auf die Schüler*innen gesprochen. Aber wie sieht es mit dem Einfluss der Schüler*innen auf die Lehrkräfte aus? Gibt es Schüler*innen, die Sie positiv, negativ oder in irgendeiner anderen Form geprägt haben?

Ja, es gab Schüler*innen, die mich geprägt haben, aber nicht unbedingt in Bezug auf die Biologie. Manche haben mir von anderen Dingen erzählt, die sie mochten, und dank ihnen habe ich bestimmte Bücher gelesen, bestimmte Musik gehört oder mich für bestimmte Themen interessiert.

Vor nicht allzu langer Zeit gab es auch einen Schüler, der sich leidenschaftlich für Vögel interessierte, und es ist zweifellos ein wenig ihm zu verdanken, dass ich ein Thema für die Maturaarbeit zum Thema Bioakustik vorgeschlagen habe. Ich habe dieses Thema aufgegriffen, weil es offenbar bereits einen Schüler interessierte, und ich dachte mir, dass es anderen Schüler*innen ermöglichen könnte, anhand der von Lebewesen erzeugten Laute experimentelle Kompetenzen zu entwickeln. 

Es ist mein Beruf, zu unterrichten. Aber in manchen Klassen macht es zudem einfach Spass, zu unterrichten – das ist auch etwas, das uns die Lernenden geben. Wenn man nämlich sieht, dass die Lernenden mitmachen wollen und Fragen stellen, dann gibt einem das als Lehrperson Kraft. Es ist wirklich ein Austausch, der in beide Richtungen gehen kann. Das ermöglicht es der Lehrperson sich zu sagen: „Ja, mach weiter so, sie haben Spass am Unterricht und du hast Spass daran, zu unterrichten.“ 

Wenn die Lernende zurückkommen und eine Laufbahn im eigenen Fach gewählt … das bestärkt einen  natürlich darin, sich zu sagen: „Ich muss meinen Weg als Lehrperson weitergehen, damit einige Lernende ihren Weg finden können.“ Das wünschen wir uns eigentlich für alle Lernenden, ganz gleich, wer sie sind. Wenn wir ihnen helfen können, ihren Weg zu finden, und sie sich dann auch noch für ein Fach entscheiden, das uns selbst begeistert, umso besser. 

Manchmal können uns auch die Sichtweisen der Lernenden zum Nachdenken anregen … denn die Welt verändert sich, und ihr, die jungen Menschen, seid die Zeugen dessen, was gerade geschieht. Eure Sichtweisen können uns helfen, unser Dasein und unser Handeln anzupassen. Die Welt verändert sich, ihr verändert diese Welt, ihr seid die Zukunft.

Ich glaube, dass der Kontakt zu den Lernenden es mir ermöglicht, mit der Gegenwart in Verbindung zu bleiben und mich daran anzupassen. Er rückt mir die Entwicklung der Gesellschaft vor Augen.

Letztendlich war es im Lehrberuf die zwischenmenschliche und menschliche Seite, die mich im Vergleich zur eher einsamen Arbeit im Labor angezogen hat. Was ich am Lehren als wesentlich empfinde, ist der Austausch mit den Lernenden und das, was die Lernenden uns vermitteln, uns geben, auch wenn sie es vielleicht gar nicht merken (lacht).

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