Wie stehen Schweizer Jugendliche zu Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT)? Das zeigt das MINT-Nachwuchsbarometer 2026. Die Studie wurde von der SATW für die Akademien der Wissenschaften Schweiz umgesetzt und gibt unter anderem Handlungsempfehlungen für die MINT-Nachwuchsförderung. Wir haben mit zwei Mitgliedern der wissenschaftlichen Begleitgruppe der Studie gesprochen, um herauszufinden, was die Ergebnisse für die Wissenschafts-Olympiade bedeuten.
Quelle: SATW
Im Gespräch: Edith Schnapper, Leiterin Nachwuchsförderung auf der Geschäftsstelle der SATW, und Prof. Dr. Thomas Studer, Informatikprofessor an der Universität Bern.
Gibt es ein Ergebnis aus dem MINT-Nachwuchsbarometer, das Sie überrascht hat?
Edith Schnapper: Die Ergebnisse sind den Zahlen des letzten MINT-Nachwuchsbarometers von vor zehn Jahren sehr ähnlich. Die Abkürzung “MINT” ist nach wie vor nur in unserer Bubble und bei Lehrpersonen bekannt, das ist uns bewusst. Viel wichtiger ist aber die Frage, wie wir jungen Menschen Wissenschaft und Technik näherbringen. Oft wird empfohlen, ganz früh damit zu beginnen, das ist sinnvoll, aber die Sekundarstufe I ist entscheidend, weil sich hier die Berufswahl entscheidet. Was bei den Jugendlichen wirkt, sind Erfolgserlebnisse – dann bleibt man dran.
Thomas Studer: Die Zahlen sind seit der letzten Erhebung ein bisschen besser geworden – aber es wäre schön, wenn es noch besser würde. Zum Beispiel gibt es bei der Geschlechtergleichheit weiterhin Luft nach oben. Grundsätzlich sind wir aber auf dem richtigen Weg. Das Grundlagenfach Informatik zum Beispiel ist sichtbarer geworden.
Die Studie zeigt, dass sich Frauen in Mathematik, Informatik und Technik selbst schlechter einschätzen als Männer, obwohl die objektive Kompetenzeinschätzung kaum Unterschiede zeigt. Bei mehreren Wissenschafts-Olympiaden zeigt sich, dass der Frauenanteil von Runde zu Runde sinkt. Manche Olympiaden versuchen, das Selbstvertrauen junger Frauen mit monoedukativen Angeboten zu stärken, z.B. das Womens’ Weekend der Physik-Olympiade oder die European Girls’ Olympiad in Informatics. Ist dieser Ansatz sinnvoll? Was könnte man sonst noch tun?
Thomas Studer: Ich höre oft, dass sich Studentinnen und Schülerinnen abgeschreckt fühlen, wenn männliche Kollegen mit Fachjargon um sich werfen – egal, ob sie ihn wirklich verstehen oder nicht. Ein monoedukatives Setting kann da eine andere Erfahrung bieten. Manchmal ist es aber schwierig, wegen der problematischen Selbsteinschätzung überhaupt genug Frauen zur Teilnahme zu bewegen – da müssen auch die Lehrpersonen die Schülerinnen aktiv motivieren.
Edith Schnapper: Grundsätzlich braucht es Empowerment, ja – aber nicht nur die Stärkung des Individuums, sondern eine systemische Veränderung. Generell ist es bei ausserschulischen Lernorten wichtig, bestehende Stereotype bewusst zu hinterfragen und nicht ungewollt zu reproduzieren – zum Beispiel, dass die Jungs engagiert basteln und forschen, während die Mädchen das Protokoll schreiben und beobachten. Ihr könntet euch den Olympiaden-Prozess anschauen, Runde für Runde. Sind die Olympiaden inklusiv? Es könnte sich auch lohnen, über eine Quote nachzudenken. Es ist keine Lösung für alles, aber es hilft, das System auszubalancieren. Da eure Freiwilligen vor allem ehemalige Teilnehmende sind, wäre das hier sehr wichtig. Je mehr Vorbilder die Frauen haben, desto mehr Lust haben sie, mitzumachen.
Die Studie beschreibt eine negative Selbsteinschätzung auch unabhängig vom Geschlecht als mögliche Hürde für den MINT-Nachwuchs. Als Wissenschafts-Olympiaden halten wir Lehrpersonen dazu an, wenn möglich mit der ganzen Klasse teilzunehmen und die Teilnahme so nicht davon abhängig zu machen, ob die Schüler*innen sich selbst als talentiert einschätzen. Manche Lehrpersonen sehen das aber kritisch, da die Mehrheit der Schüler*innen nach der ersten Runde nicht weiterkommt und davon entmutigt werden könnte. Was sagen Sie dazu?
Thomas Studer: Ich denke nicht, dass es entmutigend ist, bei einer Wissenschafts-Olympiade nicht weiterzukommen, weil man das ja auch nicht unbedingt erwartet. Ich sehe eher die positive Seite: all jene, die überraschend weiterkommen und es sich selbst gar nicht zugetraut hätten.
Thomas Studer am Finale der Informatik-Olympiade.
Die Rolle der Eltern wird in der Studie ebenfalls hervorgehoben. Thomas Studer, Ihre Tochter Jasmin hat an der Informatik-Olympiade teilgenommen. Haben Sie sie darauf gebracht?
Thomas Studer: Meine Frau und ich sind beide in der Informatik tätig, aber Jasmin hat das Programmieren erst im Unterricht im Gymnasium so richtig gepackt. Irgendwann konnte ich ihr gar nicht mehr genug Aufgaben geben. Zu diesem Zeitpunkt habe ich ihr dann die Informatik-Olympiade empfohlen.
Edith Schnapper: Weil die Eltern wichtig sind, binden wir sie im SATW-Programm SwisstecLadies mit ein. Sie kommen an die Präsentation der Projekte und sehen dort, wie talentiert und interessiert ihre Töchter sind. Wir bieten auch Mutter-Tochter-Workshops an, in denen weibliche Bezugspersonen der Mentees eigene Berührungsängste abbauen und einen positiven Zugang zu MINT-Themen entwickeln können.
Ein interessantes Ergebnis der Studie: Das Interesse an MINT steigt, wenn es um konkrete Themen wie Medizin oder Umweltschutz geht. Was kann man daraus für die Nachwuchsförderung schliessen?
Edith Schnapper: Bei den TecDays der SATW gibt es sehr viele Angebote von Partnern aus Wissenschaft und Industrie. Was besonders gut läuft, ist beispielsweise das Bauen von Raketenprototypen. Das ist einfach umgesetzt, holt die Jugendlichen ab und macht Spass. Was neben der praktischen Herausforderung auch gut funktioniert, ist ein Gamification-Ansatz. Wir haben beispielsweise ein Angebot der HES-SO Valais-Wallis, bei dem zwei Gruppen mit einem gemeinsamen Ziel mathematische Aufgaben lösen mussten.
Thomas Studer: Was ich aus dem Bericht auch schliesse ist, dass vermehrt ein Bewusstsein dafür geschaffen werden sollte, dass auch das technische Handwerk zu MINT gehört. MINT ist nicht nur akademisch. Die Robotik-Olympiade oder auch der CanSat-Wettbewerb der Astronomie-Olympiade könnten diese Wahrnehmung fördern.
Was macht die Wissenschafts-Olympiade bereits gut?
Edith Schnapper: Ihr habt ein breites Fächerangebot. Euer Auftritt ist frisch, jugendlich und zielgruppengerecht und schafft es, Talente zu mobilisieren. Die Begleitung der Talente während des Wettbewerbs ist ein riesiger Mehrwert – es geht nicht nur um Leistung, sondern auch um überfachliche Kompetenzen aufzubauen, wie Kreativität, kritisches Denken oder Teamarbeit. Engagierte Freiwillige und eine starke Community machen diese Begleitung möglich. Auch die Chance, sich im Ausland mit den Besten aus aller Welt zu treffen, zu lernen und sich auszutauschen, ist für junge Menschen ein wichtiger Schritt.
Sie möchten wissen, wo die Schweiz bezüglich MINT steht? Im Begleitartikel zum MINT-Nachwuchsbarometer 2026 finden Sie die wichtigsten Ergebnisse der Studie und den vollständigen Bericht als PDF.