28.04.2023

Volontariato | Menschen

Ganz in ihren vielen Elementen

Das Klischee: Mathe ist nur etwas für verschrobene Nerds. Das Gegenbeispiel: Ruhi Pungaliya. Die Finalistin und Freiwillige der Mathematik-Olympiade lebt zwischen Schwimmsport, Musik und Mathematik. Im Interview erzählt sie von der Verspieltheit der Mathematiker*innen, vom Wettbewerbsgedanken und von überwundenen Rückschlägen.

Ruhi Pungaliya (Alle Bilder: Claudia Christen)

Ruhi engagiert sich als Freiwillige für die Mathematik-Olympiade und plant ein Mathematikstudium.

"Man merkt der Mathematik-Olympiade den Wettbewerb kaum an. Alle sind extrem nett, der Zusammenhalt ist eng, und es gibt nur ein gemeinsames Ziel: Wir lieben Mathe!"

"Wenn man etwas spielerisch angeht, wird es interessanter und fesselnder."

Was machst du, wenn du nicht gerade mit Zahlen spielst?

 

Man findet mich wahrscheinlich im Schwimmbad. Ich bin Wettkampfschwimmerin und wenn ich nicht gerade Mathe mache, bin ich normalerweise mit Fitnesstraining oder Schwimmen beschäftigt. Der andere Ort, an dem man mich öfter mal antreffe kann, ist das Musikzimmer. Beim Klavierspeilen tanke ich Energie.

 

Viele Leute hören «Mathematik-Olympiade» und stellen sich einen stereotypischen Nerd vor: nicht sehr sportlich, nicht sehr künstlerisch begabt und nicht sehr gesellig; den ganzen Tag in Theoreme vertieft. Bist du nur eine Ausnahme?

 

Ich glaube, dieser Stereotyp kommt von einer zu engen Vorstellung davon, was es heisst, gut in Mathe zu sein. Wir widmen dem Fach viel Zeit, aber wir haben natürlich auch andere Interessen und Talente! Klar, während der Lager der Mathematik-Olympiade sitzen wir schon stundenlang da und machen Mathe – aber dann spielen wir auch draussen Fussball, gehen joggen, kochen füreinander oder spielen Spiele. Ich persönlich bin der Meinung, dass die Diversität meiner Interessen und Fähigkeiten mich zu einer besseren Mathematikerin macht.

 

Ich persönlich bin der Meinung, dass die Diversität meiner Interessen und Fähigkeiten mich zu einer besseren Mathematikerin macht.

 

Ruhi Pungaliya ist 17 Jahre alt und in ihrem letzten Jahr an der ZIS Zurich International School. Im August 2021 zog sie von Indien in die Schweiz und nahm gleich an der Schweizer Mathematik-Olympiade teil, wo sie es im März 2022 bis ins Finale schaffte. Derzeit engagiert sie sich als Freiwillige für die Mathematik-Olympiade und plant ein Mathematikstudium.

 

 

Kannst du beim Schwimmen abschalten oder grübelst du auch im Pool über mathematische Probleme?

 

Beim Schwimmen kann ich loslassen, aber manchmal komme ich auch auf ein Problem zurück, an dem ich gerade herumdenke. So manchen Geistesblitz hatte ich beim Schwimmen! Manchmal ist es aber auch eine Auszeit – eine notwendige Auszeit.

 

So manchen Geistesblitz hatte ich beim Schwimmen! Manchmal ist es aber auch eine Auszeit – eine notwendige Auszeit.

 

Ist Schwimmen für dich eher Wettkampf oder eher Spiel?

 

Wenn ich im Training bin und der Coach uns einen Auftrag gibt oder wenn ich an einem Wettkampf bin, dann denke ich kompetitiv. Aber ausserhalb des Schwimmbeckens herrscht ein verspielter Umgang mit den anderen Teammitgliedern. Wir unterhalten uns, wir unterstützen uns gegenseitig... Es ist ausgewogen. Darum macht es mir so viel Spass und darum liebe ich es so sehr. Schwimmen ist hauptsächlich ein Einzelsport, aber die Energie im Team ist ansteckend. Wir unterstützen und helfen uns gegenseitig.

 

Und Mathematik?

 

Man merkt der Mathematik-Olympiade den Wettbewerb kaum an. Alle sind extrem nett, der Zusammenhalt ist eng, und es gibt nur ein gemeinsames Ziel: Wir lieben Mathe! Schliesslich ist der Wettkampf der zwischen dir und dem Problem, das du zu lösen versuchst, und nicht der zwischen dir und den anderen Teilnehmenden. Das ist ein sehr gesundes Umfeld. Wenn du etwas nicht verstehst, bittest du deine Freunde um Hilfe. Natürlich konzentriert man sich während der Prüfung darauf, die Aufgaben selbst zu lösen, aber sobald man den Prüfungsraum verlässt, fragen alle: "Wie ist es bei dir gelaufen?" "Wie hast du diese Aufgabe gelöst?" In dieser Hinsicht sind sich Schwimmen und die Mathematik-Olympiade sehr ähnlich; zwischen den Wettkämpfen und Prüfungen sind alle füreinander da. 

 

Bei der Mathematik-Olympiade gehören Spiele aller Art zur Kultur.

 

Es ist auch sehr verspielt. Bei der Mathematik-Olympiade gehören Spiele aller Art zur Kultur. Als ich zum ersten Mal teilnahm, lernte ich dieses Spiel namens Tichu. Es ist das Erste, was wir neuen Teilnehmenden beibringen! Es gibt Turniere für Tichu, Schach oder andere Spiele wie Hanabi, die während der gesamten Dauer der Lager ausgetragen werden. Wenn man da gewinnt, gibt es keine Medaille, aber man kann damit angeben. Oder ein zusätzliches Stück Dessert essen. Dafür lohnt es sich zu kämpfen!

 

Es klingt, als wüssten Mathematiker*innen, wie man Spiel, Wettbewerb und Lernen verbindet...

 

Ich denke, Spiel ist wichtig, besonders wenn man etwas gerade neu lernt. Wenn man etwas spielerisch angeht, wird es interessanter und fesselnder, was für ein wachsendes Interesse ausschlaggebend sein kann. Spiel ist ein guter Einstieg, aber es ist nicht alles.

 

In unserer Jahresserie "Spielen" gehen wir der Frage nach, warum Spielen wichtig ist fürs Lernen. Wir sprechen mit einer Forscherin darüber und unterhalten uns mit Teilnehmenden über ihre Lieblingsspiele, ihre Hobbys und die Rolle von Spiel und Wettbewerb in ihrem Leben und ihrer Olympiaden-Erfahrung.

 

 

Erzähl von einem Rückschlag bei einem deiner Hobbies. Wie hast du ihn überwunden?

 

Vor ein paar Wochen habe ich mich verletzt. Ich musste sechs Wochen lang Physiotherapie machen. Das war furchtbar, denn davor war ich auf gutem Wege zu einer besseren Ausdauer für das Lagenschwimmen über 200 Meter, wo man mit allen vier Zügen je 50 Meter schwimmt. Das ist schwer, man braucht Ausdauer plus Technik plus Geschwindigkeit. Aber wegen meiner Verletzung konnte ich nicht an den Wettkämpfen der Saison teilnehmen.

 

Einen grösseren Rückschlag habe ich 2019 erlebt, als ich an der nationalen Meisterschaft in Indien teilnehmen wollte. Kurz vor den Qualifikationen erkrankte ich an Dengue-Fieber, einer schweren Krankheit, die man sich wie Malaria durch Mückenstiche einfangen kann. Ich verlor meine gesamte Kondition, und danach ging es wirklich bergab: Ich verletzte mich an der Schulter, dann bekam ich Covid, dann gab es landesweite Lockdowns... alles in allem verlor ich etwa zwei Jahre Training.

 

Etwa zu dem Zeitpunkt zog ich in die Schweiz. Zunächst hatte ich nicht vor, wieder einzusteigen. Dann fing ich an, hier und da nur zum Spaß ins Schwimmbad zu gehen, und schliesslich dachte ich mir: "Komm schon. Das ist mein Ding." Also habe ich eine Zeit lang allein trainiert und bin dann dem Schulteam beigetreten. Ich bin immer noch nicht so gut wie früher, aber ich tue mein Bestes. Das hat mir gezeigt, dass man auch von einem totalen Tiefpunkt aus zu seiner Leidenschaft zurückfinden kann. 

 

Es ist beeindruckend, dass du damals nicht aufgegeben hast! Was sind deine Pläne für die Zukunft?

 

Mein Traum ist es, an der ETH Zürich Mathematik zu studieren. Da ich noch nicht gut genug Deutsch kann, plane ich, ein Zwischenjahr zu machen, um mein Deutsch zu verbessern. Früher hatte ich vor, in Grossbritannien zu studieren. Dann habe ich bei der Mathematik-Olympiade viele Volunteers getroffen, die an der ETH studieren, und sie haben mich inspiriert. Diese Leute sind einfach so cool!

 

Früher hatte ich vor, in Grossbritannien zu studieren. Dann habe ich bei der Mathematik-Olympiade viele Volunteers getroffen, die an der ETH studieren, und sie haben mich inspiriert. Diese Leute sind einfach so cool!

 

 

Du hast vor, eine deiner Leidenschaften zum Studienfach zu machen. Welchen Platz werden deine anderen Leidenschaften in deinem Leben einnehmen?

 

Die Balance zwischen Mathematik, Sport und Musik hat mir als Individuum wirklich geholfen und ich denke, dass sie sehr wichtig für meine persönliche Entwicklung ist. Ich werde alle weiter ausüben, vielleicht nicht auf Wettkampfsniveau. Ich würde gerne weiter Musik machen und hoffentlich gibt es an der Universität ein Schwimmteam, dem ich beitreten kann. 

 

Bist du eine reine Pool-Person oder schwimmst du auch gerne in der Natur, zum Beispiel in den schönen Schweizer Seen?

 

Nein, ich liebe den Zürichsee! Schwimmen in einem See ist so entspannend. Eine Wanderung und dann in einen erfrischenden See springen, das klingt nach einem perfekten Tag.

 

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