09.11.2022

Schweizer Spitzenwissenschaftlerinnen treffen die Talente von morgen

Am 3. November wurden Ursula Keller und Kerstin Noëlle Vokinger mit den Wissenschaftspreisen Marcel Benoist und Latsis geehrt. Im Rahmen eines Workshops für Alumni von Schweizer Jugend forscht und den Wissenschaft-Olympiaden liess sich die nächste Generation an Forschenden von den Preisträgerinnen inspirieren.

Bild: Victor Varga, Schweizer Jugend Forscht.

Bild: Victor Varga, Schweizer Jugend Forscht.

Bild: Victor Varga, Schweizer Jugend Forscht.

“Welche wissenschaftliche Entwicklung der letzten Jahre hat dich am meisten beeindruckt?” Mit dieser Frage werden am Nachmittag des 3. November achtzehn begabte Gymnasiastinnen und Studenten im Kuppelraum der Universität Bern willkommen geheissen. Die jungen Talente erhielten durch ihre erfolgreiche Teilnahme bei den Wissenschafts-Olympiaden oder Schweizer Jugend forscht die Chance, zwei der besten Wissenschaftlerinnen der Schweiz zu treffen. Wer mehrere Generationen von Forschungs-Fans nach den faszinierendsten Durchbrüchen fragt, muss auf eine breite Fülle an Antworten nicht lange warten: Quantencomputer werden genannt, Gentherapien und künstliche Intelligenz. Eine Teilnehmerin, die bei Schweizer Jugend forscht mit ihrer Arbeit über die Kommunikation der Murmeltiere beeindruckte, erzählt von den neuesten Erkenntnissen aus der Murmeltierforschung.

 

Die Wissenschafts-Olympiade motiviert Jugendliche für die Wissenschaft mit Wettbewerben in Biologie, Chemie, Geographie, Informatik, Linguistik, Mathematik, Philosophie, Physik, Robotik und Wirtschaft. Schweizer Jugend forscht ermöglicht jungen Menschen erste Erfahrungen in der Welt der Forschung. Zusammen mit der Schweizerischen Studienstiftung, die exzellente Studierende fördert, sorgen die beiden Organisationen für eine vielseitige und international vernetzte wissenschaftliche Talentförderung in der Schweiz. Zu diesem Zweck werden die drei Organisationen vom SBFI unterstützt.

 

Der Rektor der Universität Bern und Vizepräsident der Marcel Benoist Stiftung, Prof. Dr. Christian Leumann, begrüsst die Workshop-Teilnehmenden. (Bild: Victor Varga, Schweizer Jugend Forscht)

 

Das Unmögliche möglich machen

Nach dieser Reise quer durch die Forschungslandschaft erklären die Moderatorinnen des Think-Tanks foraus, wie es weitergeht: Die Preisträgerinnen begeben sich nacheinander in die Mitte des Kreises aus Stühlen und unterhalten sich mit den Jugendlichen, die sich mit ihren Fragen zu ihnen setzen. Zuerst ist die Physikerin Ursula Keller dran. Sie erhält den Preis der Marcel Benoist Stiftung für ihre Forschung zu Lasern mit extrakurzen Pulsen. Diese haben nicht nur Wissenschaft und Industrie revolutioniert, sie sorgen auch beim Workshop für Staunen. Kaum hat sie ihr Lebenswerk erklärt, wird Keller von den jungen Talenten mit technischen Fragen gelöchert. Wie lokalisiert man Elektronen? Wie misst man Attosekunden? Die ETH-Professorin hat auf fast alles eine Antwort. Wenn sie einmal keine hat, dann motiviert sie dies erst recht, eine zu finden. Nichts treibe sie so sehr an, wie wenn ihr gesagt werde, etwas sei unmöglich. “Wenn man immer glücklich und zufrieden ist, ist man nicht so innovativ. Es braucht auch ein bisschen Frust!”

 

Der Workshop wird vom Think-Tank foraus moderiert. (Bild: Victor Varga, Schweizer Jugend Forscht)

 

Wissen ist wichtig - Spass auch

Keller zieht die Experimentalphysik der theoretischen Physik vor, weil Experimente oft zu unerwarteten Resultaten führen. Dabei sei aber eine solide Ausbildung unabdingbar. “Je besser du die Grundlagen beherrschst, desto eher weisst du, ob du es mit einem kaputten Kabel oder einer grossen Entdeckung zu tun hast.” Die erfahrene Forscherin spart nicht mit Ratschlägen an die Wissenschaftler - und vor allem die Wissenschaftlerinnen - von morgen. Am wichtigsten sei es, den eigenen Interessen zu folgen. “Wir sind bereit, auch unter der Dusche oder beim Wandern über die Forschung nachzudenken - weil es einfach Spass macht!”.  Eine junge Frau fragt, was man mit ihren Lasern denn machen könnte, und Ursula Keller erzählt von den Anwendungen ihrer Entdeckungen, von der Autoindustrie bis hin zur Augen-OP. In Zukunft könne mit Hilfe der ultra-schnellen Laser vielleicht sogar gemessen werden, ob die Naturkonstanten wirklich so konstant sind, wie wir denken.

 

Auch während der Kaffeepause wird weiter diskutiert.  (Bilder: Lara Gafner, Wissenschafts-Olympiade)

 

Begegnungen, die motivieren

Im Stuhlkreis sitzt, versteckt zwischen den Jugendlichen, auch der Schweizer Nobelpreisträger Didier Queloz. Der zukünftige Präsident der Marcel Benoist Stiftung möchte mehr Wissenschaft in die Gesellschaft bringen. Ein solcher Workshop sei ein Schritt in die richtige Richtung. Schon nur dabei zu sein, könne für die Jugendlichen sehr motivierend sein, meint der Astronom, der durch die Entdeckung von Exoplaneten berühmt wurde. Seine Einschätzung wird bestätigt durch das Beispiel von Lorraine Ferrali, die schon letztes Jahr am Workshop zu den Schweizer Wissenschaftspreisen teilgenommen hat. Damals haderte die 19-jährige noch mit der Studienwahl und war hin- und hergerissen zwischen Sprachen und Naturwissenschaften. «Während des Workshops fiel mir auf, dass ich auch den naturwissenschaftlichen Diskussionen gut folgen kann», erzählt sie heute. Das habe sie ermutigt, die Selbstzweifel fallen zu lassen und an der ETH Zürich Lebensmittelwissenschaften zu studieren.

 

Lorraine Ferrali im Gespräch mit der Marcel Benoist-Preisträgerin Ursula Keller. (Bild: Lara Gafner, Wissenschafts-Olympiade)

 

Interdisziplinäre Diskussionen

Während der Kaffeepause knüpfen die Teilnehmenden untereinander Kontakte, dann ist Kerstin Noëlle Vokinger an der Reihe. Die Latsis-Preisträgerin ist erst 34 Jahre alt und bereits Professorin in zwei Disziplinen. Weil sie sich für beides so sehr interessierte, hat Vokinger Medizin und Jura gleichzeitig studiert und auch in beiden Fächern promoviert. Dass das im Schweizer Universitätssystem so nicht vorgesehen ist, hat die Überfliegerin nicht aufgehalten. Beide Preisträgerinnen vermitteln den angehenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein entspanntes Verhältnis zum Unmöglichen. Doch während Keller erklärt, dass sie sich damals für die Physik entschied, weil sie mit allen anderen Disziplinen wenig anfangen konnte, verbindet Vokingers Forschung Recht, Medizin und digitale Methoden. Ihre Forschungsgruppe befasst sich beispielsweise mit den Preisen von Krebsmedikamenten. Die Gespräche mit den Workshop-Teilnehmenden streifen auch Wirtschaft und Ethik. Welche Anreize könnten dafür sorgen, dass Medikamente so zugänglich werden wie möglich? Was, wenn beim Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Medizin Fehler passieren? Und warum wird eigentlich so viel Zucker verkauft, wenn er doch erwiesenermassen gesundheitsschädlich ist?

 

Ein Gruppenfoto im Hauptgebäude der Universität Bern. (Bild: Victor Varga, Schweizer Jugend Forscht)

Seit 1920 verleiht die Marcel Benoist Stiftung einen Preis an exzellente WissenschaftlerInnen in der Schweiz. Dieser ist mit 250’000 Franken dotiert. Die Fondation Latsis stiftet seit 1983 den mit 100'000 Franken dotierten nationalen Latsis-Preis für Forschende bis 40 Jahre, welche herausragende wissenschaftliche Leistungen erbracht haben. Selektioniert werden die Preisträgerinnen und Preisträger im Auftrag der Stiftungen durch den Schweizerischen Nationalfonds.

 

Etwas mehr als zwei Stunden lang wird diskutiert, dann müssen sich die Preisträgerinnen auf die abendliche Zeremonie im Berner Rathaus vorbereiten. Auch die Jugendlichen sind eingeladen - und zwar nicht nur als Zuschauerinnen und Zuschauer. Zwei von ihnen sollen bei der Preisverleihung sprechen. Nach kurzem Zögern melden sich zwei mutige Freiwillige: Sinan Deveci, der sowohl bei Schweizer Jugend forscht wie auch bei der Linguistik-Olympiade vorne mit dabei war, und Livia Fischer, die Bronze bei der Biologie-Olympiade gewonnen hat.

 

Die Workshop-Teilnehmenden Si Tou Yuan, Sinan Deveci und Livia Fischer schreiben zusammen mit der Moderatorin Melina Ehrat von foraus eine kleine Rede für die Preisverleihung. (Bild: Victor Varga, Schweizer Jugend Forscht)

 

Sie erzählen dem hochkarätigen Publikum, was sie aus dem Workshop mitnehmen konnten; von der Power der Interdisziplinarität bis hin zur Empfehlung, sich die eigene Neugier zu bewahren. Im Namen aller Teilnehmenden bedanken Livia und Sinan sich für die Gelegenheit, die Preisträgerinnen zu treffen. Wer weiss: Vielleicht kehrt irgendwann eines der jungen Talente an deren Stelle ins Berner Rathaus zurück.

 

Beim Apéro nach der Preisverleihung treffen die Jugendlichen auf Wissenschafts-Stars, Mitglieder von Universitätsleitungen und den einen oder anderen Bundesrat. (Bild: Lara Gafner, Wissenschafts-Olympiade)


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